Institut Deutsche Adelsforschung
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Snobismus als Aristokratismus

Erschließungen einschlägiger Snob-Literatur durch Stichworte

Der Snobismus ist eine bemerkenswerte Form des Aristokratismus. Unter dem letzten Begriff versteht man nach Conze et al. (2013) drei Vorgänge. Aristokratismus sei demnach erstens nach zeitgenössischem Urteil a) eine „ausgesprochene Vorliebe für aristokratische Vorrechte und Gebräuche“, b) beinhalte fernerhin „auch Wahrnehmungen und Deutungen von `Adel´, `Aristokratie´ und des `Aristokratischen´“ inklusive der möglichen „ästhetische[n] Verwendung und Füllung des Adelsbegriffes“, sowie c) Deutungen, „die unter Verwendung der Begriffe `Adel´ und `Aristokratie´ gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen entwarfen.“ [1]

Snobismus kann nun als Spielart einer Aristokratisierung verstanden werden, die das Phänomen einer Hybridisierung des Gegensatzes des „Aristokratischen im Nichtaristokratischen“ [2] beschreibt. Demnach bedeute „Snob“ nach Bab (1914) „(s)ine (nob)ilitate“. Gemeint war damit „der Mann ohne Rang und Stand. Sehr bald aber im besonderen der Mann unbedeutender Herkunft, der trotzdem den glänzenden Schein, die Teilnahme an der Lebensart der Vornehmen suchte.“ [3]. Herder ergänzte in ähnlicher Weise, der Snob sei ein Mann, der einen "Herrn spielen möchte und nicht kann.“ [4] Deutlich negativer formulierte es dagegen Meyer (1909): „Snob (engl.), ungebildeter, vornehmes Wesen nachäffender und dabei anmaßend auftretender Mensch; Snobbism (snobbishness), eine Vornehmtuerei.“ [5]

Auch wenn diese anteilige Pejorativisierung problematisch erscheint, so weist sie abseits jener Bewertung doch auch deutlich auf das Phänomen der Amalgamisierung, Kreolisierung und Vermischung an sich hin, die einer Transformation "des Adeligen" in "das Nichtadelige" innewohnten.

Wie diese Transformationen konkret aussehen konnten, zeigen unter anderem drei schon ältere (dennoch aber thematisch bedeutsame) Publikationen, die hier erstmals jeweils durch ein Sachregister im März 2021 von uns erschlossen worden sind. Verwiesen wird dabei auf Seitenzahlen in den entsprechenden Druckwerken, die Kleinbuchstaben "m", "o" und "u" stehen für nähere Fundortangaben auf den jeweiligen Seiten und zwar für "mittig", "oben" und "unten". Bei den beiden Werken handelt es sich um:

A. Philippe Julian: Snoblexikon, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1958, 247 Seiten:

Akademischer Snob, 17-21
Allüren (männliche), 21
Altertum, 21
Ancie Régime, 22
Anglomanie, 22
Antisnob-Snobismus, 22-23
Anwandlungen, 23
Argentinien, 23-24
Aristokratendeutsch (österreichisch), 25
Armer Snob, 25-27
Ästhetischer Tee, 27
Auflösungstendenzen, 27
Auktion, 27-28
Ausflüchte, 28
Ausländer, 29
Automobil, 29-32
Axiom, 32
Balkan, 33-35
Barockengel, 35
Bayreuth, 35-37
Begleitdogge (siehe auch Hunde), 37
Beobachtungen, 37-38
Beziehungen, 38
Blaustrumpf (alleinstehende ältere Frau), 38-39
Boudoir, 40
Bourgeoisie (und Adel), 41-44
Bräuche, 44-45
Brummel (Dandy), 45-46
Bürgerliche Bohème, 46
Café society, 47-49
Chinoiserien, 50
Cocktail-Party, 50-52
Crème (gute Gesellschaft), 53-57
Damen der Gesellschaft, 58-60
Dandy, 60-62
D´Annunzio, 62
Snob (Definitionen), 62-63
Konsum (demonstrativer), 63
Deutschland (auch Adel), 63-67
Dummköpfe, 67
Duzen, 67
Edine kommt, 68
Egeria, 68-69
Eigentumssnob, 69
Einfachheit (elegante Frugalität), 69-70
Empfindlichkeit, 70
Engagement, 70
England, 70-75
Engländer, 76
Entgleisungen, 76
Ernsthafte Beschäftigung (Dilettantismus), 76-77 
Er bringt seine Frau mit, 76
Erotik, 77-78
Erstkommunion, 78
Esoterik, 79-80
Eßsnobismus (Trinksnobismus), 80-82
Ethik, 82
Extravaganzen, 82
Fabergé, 83
Faminin, 83-84
Folklore, 84-85
Frisiersalon, 85-86
Forschkönig, 86
Gärten, 87-89
Gegebenheiten (zweite Gesellschaft), 89
Geld, 89-91
Genau (Bestätigungsfloskel), 91 
Genres, 91-94
Gesetz, 95
Gotha (Buchreihe), 95-99
Grand mode, 99-102
Großer Auftritt, 102
Großvater Snob, 102-103
Hamburger Kaufmannsstolz, 104
Haute couture, 104-106
Heldenvorfahren, 106
Helote, 106-107
Herzoginwitwe, 107-108
High life, 108
Hochstapelei, 108-109
Hoffnungsvoller Jüngling, 109-112
Hotel-Schloß, 112-114
Hunde, 114-116
Ideal, 117
Idee, 117-118
Inferiorität, 118
Innenarchitektur (Interieur, Möbel), 118-121
Italien, 121-123
Jagd, 124-125
Jahrbücher (Gothascher Almanach), 125-126
Jargon, 126
Jeunesse dorée, 126-127
Kammerdiener, 128
Karriere, 128-129
Kenner, 129
Klub-Snob, 129-130
Koestler (Essay-Autor zum Snob), 130-131
Konfession, 131
Konformismus, 131-132
Königliche Hoheiten, 132-133
Konjekturen, 133
Konservativ, 133-134
Kriterien, 134
Kulinarischer Snobismus, 134-136
Kunst und Kultur, 136
La Bruyère, 137-138
Langeweile, 138
La Rochefoucauld, 138-139
Lebenserinnerungen (Schreibanleitung), 139-140
Literatur (literarische Bildung), 140-144
Luxusweibchen, 145
Malerei (Kenntnisse über), 146-151
Mandatsträger, 151-152
Maxim (Klub), 152-153
Maxwell (Miß Elisa), 153-154
Junnker (märkischer), 154
Medizin, 154-155
Memoiren, 155-157
Methode (Nachahmung der Adelssitten), 157
Musikalische Darbietung, 157-159
Mythomanie (Übertreibung der Herkunft), 159
Kafka (metaphysischer Snobismus), 160
Nachsicht, 160
Naivitäten, 160-161
Nigeria (Reicher Lebensstil ibidem), 161
Nuditäten, 161-162
Organisation, 163-164
Oxford, 164-166
Paradoxe, 167-168
Passé, 168
Pedro (Blumensprache), 168
Pferdesport, 168-171
Dilettantismus (Plädoyer für), 171-172
Poetisches junges Mädchen, 172-173
Porzellan, 173-175
Postkartengrüße (Anleitung für), 175-176
Programm, 176-177
Proustiana, 177-179
Queen, 180-181
Ratschläge, 182
Radingote (distinguierender Cutaway), 182
Reflexionen zum Thema (Snobismus), 182-184
Reise nach Rußland, 184
Religions-Snob, 184-185
Requisiten, 185
Revolutionär, 185
Ritz (Hotel als das Versailles der Moderne), 185-186
Sammler, 187-189
Schulsnobismus, 189-192
Scrap-Book (Methode, sozialen Aufstieg festzuhalten), 192
Seelenharmonie, 192-195
Selbstbildnisse, 195
Selbstsicherheit, 195
Sentenzen, 196
Snob (Definition), 7-15
Snob-Appeal, 196-197
Snobleser, 197-199
Spanische Snobs (Cursileria), 199-200
Spazierstock (Tageweise), 200-201
Spiel, 201-202
Splitter und Spotlights (Apercus, Bonmots), 202
Staftviertel (wohnviertel), 202-204
Stallaterne, 204
Star, 204
Stellen Sie sich dich bitte vor, 204-206
Sternheim, 206-207
Swann, 207-208
Thackeray, 209212
Theater, 212-214
Titel, 214
Todesnachricht, 214
Tout Paris, 214-215
Trostmittel, 215
Universalgenie, 216
Unterscheidungen, 216
Un-Tiefenpsychologie des Snobs, 217-218
Unverschämtheiten, 218-219
Urworte, 219
Vatikan, 220-222
Vereinigte Staaten, 222-225
Vorfahren, 225-226
Vornamen, 226
Wahl, 226
Weltmann, 227
Weltschmerz, 227-229
Wettlauf der Verbraucher (Produktzyklus), 229
Wichtige Frage, 229
Würde, 299
Yacht, 230-232
Zeit- und ortsbedingter Snobismus (Adelssucht), 233-234

B. Wolfgang Drost / Karl Riha (Hg.): Balzac. Beamte, Schulden, elegantes Leben. Zur Sozialphysionomik des Alltagslebens. Eine Auswahl aus den journalistischen Schriften, Frankfurt am Main: Insel-Verlag 1978, 307 Seiten (dort auf den Seiten 185-259 der 1830 zuerst erschienene Zeitungsartikel „Traité de la vie élégante“):

Adelige, herabgesunkene (als Ärgernis), 219u
Animal amitiosum, 197-200
Arbeitsleben, 188-193
Arbeitsmenschenwertung als „schätzenswerte Menschen“, 237
Architektur als Sinnbild eleganten Lebens (Bett als Kleid der Persönlichkeit), 239
Aristokratie-Genesis, 197u-198
Aristokratische Dinge (und deren un/rechter Gebrauch), 198, 201o, 208, 210, 211
Dandyismus (Snobismus) als Häresie eleganten Lebens, 241u
Dinge (Herzeigen derselben), 231u
Dinge vor Verschleiß beschützen ist nicht elegant, 231m
Einfachheit der Dinge (elegante Frugalität), 235, 239u
Einfachheitsgebot im Kleiderluxus, 252mu
Elegante unter sich sollten Gleichheit pflegen, 238
Elegantes Leben (Definitionen), 196-197
Elegantes Leben, 195-245
Eleganz Als Teilhabe der Anderen am Genuß des eigenen Vermögens, 236
Eleganz als Vollendung äußeren Lebens, 196
Eleganz belebt Existenz, 214u
Eleganz verdeckt bestenfalls eleganten Aufwand, 229
Eleganz-Theorie (der Menschen und ihrer Dinge), 222-223
Eleganzbestandteile (Einheit von Harmonie, Reinlichkeit und Einfachheit), 227
Elegtanologisten (Kundige der Eleganz),  224o
Empfänge (Alltag im eleganten und Ausnahme im Arbeitsleben), 232o
Erworbener Reichtum vs. angeborene Eleganz, 210mu, 219
Etikette als Trennung zwischen Arbeits- und elegantem Leben, 237
Farbigkeit besser als grelle Buntheit (diese ist zu vermeiden), 240, 257
Frauenkleider#254
Fürsten der Industrie (Aristokratismus), 206
Geizhals (als Negation eleganten Lebens), 221 
Geschmacklosigkeit greller und übertriebener Kleidung, 257m-258o
Grazie (Entwicklung von), 196
Kleider machen Leute, 247-249
Kleiderabnutzungen als Zeichen bestimmter Berufe des Arbeitslebens, 249m
Kleiderluxus mit Edelsteinen sei abzulehnen, 252-253
Kleidung (nicht was zu tragen ist, sondern wie sie zu tragen sind), 252
Kleidung als intraständisches Erkennungszeichen, 257
Kleidung als Kulminationspunkt eleganten Lebens, 249u
Kleidung muß  man zu tragen wissen (Kleidungsfehler), 251-252
Kleidung solle unauffällig sein, 257
Kleidung transformiert Menschen, 223u
Kleidung zeigt noblesse an, 228
Konsum (fortwährender) als Grundlage jeder Eleganz, 234
Körperfehler durch Kleidung verstecken, 258-259
Kostüm- und Kleiungsgesetze, 250
Kunst sorgfältiger Erhaltung aller Dinge, 232u-234, 236
Künstlerleben, 193-195
Kutschfahrt und Fußgänger, 254-257
Leistung vertreibt Geburt (Aristokratismus) in der Moderne, 204
Mode als Symbol für ständische Zugehörigkeit, 211
Modegeschichte (Vestignomie als Kulturspiegel), 247-248
Ordinäres Leben (Arbeitsleben), 220mu
Ornamente (sollten stets hoch angebracht sein), 240
Reinlichkeitsgebot der Kleidung, 259u
Sozialisation wichtig für Grazie (schnell nicht erwerbbar), 241
Spazierstock (rechte und elegante Art, ihn zu benützen), 211 
Talmifashionable Leute (Cretins des eleganten Lebens, Hochstapler), 241o
Vermögen mit Grazie ausgeben (als Kern der Eleganz), 220mo
Wertungen (positiv, negativ) des eleganten Lebens, 196-197
Zivilisation der Menschheit (Arbeits-, Künstler- und elegantes Leben), 187-188

C. William Makepeace Thackeray: Das Snob-Buch, Leipzig: List 1955, 298 Seiten, in deutscher Übersetzung von Heinrich Conrad; erschienen zuerst unter dem englischen Originaltitel "The Book of snobs" (London: Punch 1848, 180 Seiten):

Scherzhafte Anekdoten über Snobs (Kapitel 1)
Königlicher Snob (Kapitel 2)
Adelseinfluß auf die Snobs (Kapitel 3)
Hofberichtseinfluß auf die Snobs (Kapitel 4)
Bewunderungssucht der Snobs (Kapitel 5)
Einige achtbare Snobs (Kapitel 6-7)
Groß-Snob der City (Kapitel 8)
Militärische Snobs (Kapitel 9-10)
Geistliche Snobs (Kapitel 11)
Universitäts- und Schul-Snobs(Kapitel 13-15)
Literarische Snobs (Kapitel 16)
Irische Snobs (Kapitel 17)
Gesellschaftsgebende Snobs (Kapitel 18 und 20)
Snobs bei Tisch (Kapitel 19)
Festland-Snobs (Kapitel 21-22)
Englische Snobs auf dem Festlande (Kapitel 23)
Snobs auf dem Lande (Kapitel 24-31)
Nachlese über allerlei Snobtümliches (Kapitel 32)
Ehe und Snobs (Kaitel 33-36)
Klub-Snobs (Kapitel 37-44)
Epilog (Kapitel 45)

Annotationen:

  • [1] = Ewald Conze / Wencke Meteling/ Jörg Schuster / Jochen Strobel: Aristokratismus und Moderne 1890-1945, in: Ewald Conze / Wencke Meteling/ Jörg Schuster / Jochen Strobel: Aristokratismus und Moderne 1890-1945, Wien / Köln / Weimar: Böhlau 2013, Seite 12.
  • [2] = Abgeleitet von der These des „Gleichzeitigen im Ungleichzeitigen“ als Coincidentia oppositorum (Zusammenfall der Entgegensetzungen im dialektischen Prozeß) nach Georg Klaus / Manfred Buhr: Philosophisches Wörterbuch, Band I., Leipzig 1976, Seite 245); siehe dazu Paul Nolte: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in: Stefan Jordan (Hg.): Lexikon Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2002, Seite 134-137.
  • [3] = Julius Bab: Snobismus, in: Die Gegenwart (Berlin), Nr. 7 vom 14. Februar 1914, Seite 103.
  • [4] = Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1857, Band 5, Seite 237.
  • [5] = Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, Seite 558.
 

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