Institut Deutsche Adelsforschung
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Genealogische Rollen als materielle Adelsaktanten

Methoden der Adelserzeugung und Adelsanspruchslegitimierung im Spätmittelalter

Zum Ende des Ancien Régime spielten genealogische Rollen als materielle Artefakte möglicherweise keine bedeutende Rolle mehr in der aktuellen Adelskunde. Aber sie wurden auch außerhalb ihrer ursprünglichen Absicht, als Aktanten im Sinne Latour’s [1] Herkunft zu beweisen und Herrschaftsansprüche durch Traditionserzeugung zu visibilisieren, durchaus noch praktisch eingesetzt und benützt, wenn auch mit transformierten Motiven. [2] Davon zeugte unter anderem der Bericht eines Anhängers der französischen Revolution; beim ihm hieß es zu Mitte des 19. Jahrhunderts in dessen Lebenserinnerungen:

„Als ein belebendes Element meines damaligen Lebens darf ich meiner und meiner Freunde glühenden Enthusiasmus für die franzöſiſche Revolution, ihre Grundſätze, ihre Helden und ihren zeitweiligen glücklichen Fortgang nicht mit Stillſchweigen übergehen, die ganze Richtung der Geiſter, beſonders angeregt durch die denkwürdige politiſche Revolution in Nordamerika, in deren Kenntniß wir durch die anziehenden Vorträge des Profeſſor[s] Franz über Geographie und Statiſtik, die in meinen philoſophiſchen Lehrkurſus fielen, eingeweiht wurden, die ſo nahe liegenden Beiſpiele tyranniſcher Willkür in unſer[e]m Lande in der Einkerkerung eines Moſer und Schubart, endlich jenes jugendliche [folgt Seite 215] Alter, noch entfernt von egoiſtiſchen Motiven das ſo gern Ideale verfolgt, erklären zur Genüge dieſen unſer[e]n Enthuſiasmus.

Er äußerte ſich auch werkthätig, theils durch gewiſſe Demonſtrationen, aber noch mehr durch Bildung einer Art von politiſchem Club. Als im Anfange des Jahrs 1790 die franzöſiſchen Prinzen mit einem großen Gefolge von Emigranten nach Stuttgart kamen, bei welcher Gelegenheit auch die Carls-Akademie von denſelben beſucht und den Chevaliers auch die Ehre zu Theil ward, durch den Herzog dem Grafen v.Artois, ſpäter Carl X. perſönlich vorgeſtellt zu werden, wurde unſere ganze revolutionäre Geſinnung aufgeregt und vier von uns beſchloſſen, die öffentliche Redoute zu benutzen, um die Abſchaffung des Adels durch die National-Verſammlung, die damals unſer[e]n ganzen Beifall hatte, dramatiſch unter den Augen der franzöſiſchen Prinzen und ihres Gefolges aufzuführen.

Zu dieſem Behuf kleideten ſich unſerer drei, der Chevalier Kerner, ein Schweizer Peters und ich in die franzöſiſchen Nationalfarben, der eine weiß, der zweite blau, der dritte roth, jeder decori[e]rt mit einer dreifarbigen Schärpe. Der Vierte, ein deutſcher Freiherr, Chevalier Marſchall v.Bieberſtein, ſtellte den Adel vor und erſchien im mittelalterlichen Coſtüme, bedeckt mit zahlloſen Wappen, die [der] Maler Koch etc., ganz der Heraldik gemäß, meiſterlich ausgeführt hatte, und mit einer rieſenhaften Stammbaumrolle ausgerüſtet. Die früher ſchon erwähnte Gartenmauer verſchaffte uns den heimlichen Zugang zur Redoute, und auf dieſer wurde nun in wiederholten Angriffen von den drei Franzmännern der arme Edelmann allmählich aller ſeiner Wappen beraubt, ſogar ſein Stammbaum zerriſſen und endlich kahl aus dem Saal gejagt. Wir hatten auch die Keckheit, nach dieſer Heldenthat, von der wir uns einen großen Effekt verſprachen, noch einige Tänze mitzumachen, trotz der Gefahr, verrathen zu werden.“ [3]

Das Zerreißen der Stammbaumrolle sollte hier mit der Zerstörung des Adels, einem Aristozid, korrespondieren, die sich die Revolutionsanhänger erwartet hatten, zu der sogar ein Adeliger selbst gehörte. Sowohl die Aufführung der Rolle als auch ihre Zernichtung markierten damit Praktiken, in denen Adel, je nach weltanschaulichem Standpunkt, als il/legitim verhandelt wurde. [4]

Ein ähnlicher Motivgebrauch findet sich auch in den älteren genealogischen Rollen, die vor allem als Medium von Herrschaftsansprüchen im ausgehenden Mittelalter präsent waren. Sie sind heute als materielle Überlieferung indes selten, waren früher häufig, mußten zudem aufwendig erstellt werden, waren namentlich bei Hochadelsfamilien anzutreffen, stellten aber keineswegs nur ein deutsches Phänomen dar, sondern mindestens eine westeuropäische Entität. Ihre praktische Zusammenrollung sparte Platz, eröffnete zudem, anders als ein blätterbares Buch, eine große Gestaltungsfläche, die außerdem individuell, durch Ankleben von weiteren Rollenteilen, gestaltbar war und in ausgerolltem Zustand, im besten Falle, bei Rezipierenden Prestige, Renommage, Deferenz und Anerkennung erzeugen konnte. Zu eben jenen Rollen hat Matthias Kuhn eine Dissertation geschrieben; sie wurde im Wintersemester 2022/23 an der Universität Heidelberg eingereicht. [5]

Kuhn beschreibt darin, englische und deutsche Rollen vergleichend, einen ausgewählten Überlieferungsbestand in den myrioramatischsten materiellen und symbolischen Facetten. So fragt er nach den Entstehungsbedingungen, den Familien, Beteiligten, Urhebern, Adressaten und den Auftraggebenden, nach dem materiellen Erscheinungsbild der Rollen, nach Formen, Layout und Texten, Sprache und Gestaltungselementen wie dem Verhältnis zwischen Text und Bildern, die vor allem in Form von Wappenabbildungen eingestreut worden sind. Doch auch der praxeologische Gebrauch wird nachverfolgt, auch wenn dies herausfordernder zu bewerkstelligen war als die reine deskriptive Arbeit an den Rollen. Dennoch stellt Kuhn fest, daß die Rollen zwischen der Funktion der Rangdarstellung und Informationsspeicher changierten, vor allem eine bestimmte Gegenwart aus der Vergangenheit legitimieren helfen sollten, gleichwohl aber auf Erweiterung und damit auch auf die Zukunft hin angelegt worden waren.

Mithin wandelten sich diese Rollen nach Aßmann als Medium des kommunikativen Gedächtnisses zu einem Medium des kulturellen Gedächtnisses. [6] Über die praktische Nutzung der Rollen indes sind erstaunlich wenige Unterlagen aussagekräftig. Sie deuten aber darauf hin, daß die Rollen im höfischen Kontext von einem Präsentator einer ausgewählten anwesenden Menge von Publikum gezeigt und unter erläuternden Sprechakten ganz oder teilweise aufgerollt worden sind (Seite 274-283). Aufgrund der wenigen Berichte über Benützungen ist der Verfasser jedoch vielfach auf Vermutungen angewiesen, so auf die, wonach bestimmte Textbestandteile zur Rezitation einladen würden (Seite 277). Eventuell hätte hier noch eine stärkere Rezeption spätmittelalterlicher Literatur unter Vorannahme des New Historicism zu einer näherungsweisen Gebrauchsrekonstruktion führen können. [7] Dies mag vielleicht deswegen nicht geschehen sein, weil der Verfasser laut Aussage des Verlages Geschichte und Kunstgeschichte studiert hatte, nicht aber Germanistik oder Anglistik. [8]

Allerdings ist dies nicht als Manko zu werten, da die detailreiche Analyse bereits grundlegend vermessende Aspekte der Rollen präsentiert, auch löblicherweise aktuelle soziologische Anleihen in der Praxeologie nimmt, hier mit Bezug auf die Verwendungsweisen zur Zeit ihres spätmittelalterlichen Gebrauchs, auch wenn dieser Aspekt notgedrungen unterbelichtet bleiben mußte. Das Verdienst der umfangreichen Arbeit freilich liegt darin, den Fokus auf einen Gegenstand gerichtet zu haben, der als Adelsaktant wirksam werden konnte, insofern auch der Materialität des Adels hier einen wieder wichtigen Stellenwert einräumt und nicht zuletzt der adelskundlichen Praxistheorie einen weiteren Baustein hinzuliefert, zumal einen Baustein, der im RDK-Labor bisher nicht gelistet worden ist, freilich aber bei Grubmüller durchaus überblicksartig literaturwissenschaftlich verzeichnet worden ist. [9]

Diese Rezension erscheint auch gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Dr. Dr. Claus Heinrich Bill (April 2025). Zu den Annotationen:

1 = Dazu siehe Bruno Latour: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie; aus dem Englischen in die deutsche Sprache übersetzt von Gustav Roßler, Frankfurt am Main: Suhrkamp 6. Auflage 2022, 488 Seiten.

2 = Zur Visibilisierung siehe Heinz Reif: Adel im 19. und 20. Jahrhundert, München: Oldenbourg 2. Auflage 2012, Seite 121; betrifft den Adel als „Meister der Sichtbarkeit“.

3 = Heinrich Wagner: Geschichte der Hohen Carls-Schule, Band I, Würzburg: Etlinger 1856, Seite 214-215.

4 = Dazu siehe auch Irene Leibbrandt: Die alten Stammbäume sind nun gefällt. Adel in der Literatur am Ende des alten Reiches, Köln 1997, 132 Seiten (betrifft Adelssituation am Ende des 18. Jahrhunderts, Verfasser der Adelsschriften, literarische Formen der Adelsbetrachtung, Entstehung und Wirkung von ausgewählten Romane, Lustspielen und politischen Abhandlungen der adeligen Autoren Sonnenfels, Gebler, Corbelli, Nesselrode, La Roche, Knigge, Kotzebue, Ewald, Burghaus und Pöllnitz; enthält auch auf Seite 124-131 eine Bibliographie adeliger Autoren mit inhaltlichem Adelsbezug in ihren Schriften, die über das Korpus der Analyse hinausgeht; betrifft insgesamt nur die Selbstsicht des Adels auf den Adel mit Adelsstolz, Privilegien, Erbadel, Leistungsadel; enthält die These, daß der Adel sein Obenbleiben nach der französischen Revolution starker innerer Geschlossenheit zu verdanken habe).

5 = Matthias Kuhn: Rolle und Rang. Genealogische Rollen des deutschen und englischen Adels im ausgehenden Mittelalter, Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag 2024, 447 Seiten mit 16 ungezählten Bildtafeln, Illustrationen, genealogische Tafeln (Band VII der Schriftenreihe „Rank“); erhältlich für 59,00 Euro im Buchhandel unter der ISBN „978-3-7995-9127-0“.

6 = Dazu siehe Markus Fauser: Einführung in die Kulturwissenschaft, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2. Auflage 2002, Seite 125-128.

7 = Zum New Historicism siehe weiterführend Jan Standke: New Historicism, in: Daniel Wrana / Alexander Ziem / Martin Reisigl / Martin Nonhoff / Johannes Angermuller (Hg.): Diskurs-Netz. Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung, Frankfurt am Main 2014, Seite 278-279.

8 = Webseite https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/rolle-und-rang-409127.html“ gemäß Abruf vom 25. März 2026.

9 = Im „Labor“ (der Webseite des erweiterten) „Reallexikons zur Deutschen Kunstgeschichte“ ist unter der URL „https://rdklabor.de/w/index.php?search=Rolle&title=Spezial%3ASuche& profile=advanced&fulltext=1&ns0=1&ns4=1&ns6=1“ gemäß Abfrage vom 6. Juni 2026 kein eintrag zu „Rolle“ auffindbar. Ein einschlägiger Artikel ist jedoch der von Klaus Grubmüller: Rotulus, in: Jan-Dirk Müller (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band III, Berlin 2003, Seite 335-337.

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