Institut Deutsche Adelsforschung
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Der sächsische Reformer Thomas Freiherr v.Fritsch

Eine neue Biographie zum geistigen Vater des Rétablissements

Im Jahre 1829 erschien ein Lebensabriß der wichtigsten Stationen eines sächsischen Ministers des XVIII. Jahrhunderts in M. J. Klarkes Werk „Geschichtskunde von der Regierung Friedrichs des Großen bis auf unsere Zeit oder von dem Jahre 1740 bis zum Jahre 1830“, erschienen in Frankfurt am Main in der Jägerschen Buch-Papier- und Landkarten-Handlung 1829, der auf Seite 78-79 (der Seitenzählung des Abschnittes „Wichtige Begebenheiten in einzelnen europäischen Staaten“) den folgenden Wortlaut trug: „Thomas, Freiherr von Fritsch, kursächsischer Geheimer Rath, bewahrheitete an sich das Wort, welches Friederich der Große über den Grafen Ostermann aussprach: ‚Die Natur theilt ihre Gaben ohne Rücksicht auf den Stammbaum aus.‘ Geboren im Jahr 1700, der Sohn eines Buchhändlers in Leipzig, entwickelte er schon frühe Anlagen, die zu schönen Hoffnungen berechtigten. Sein Vater widmete ihn den Rechts- und Staatswisssenschaften, und sah ihn zu einem kräftigen, tiefdenkenden Manne aufblühen. Seine Kenntnisse und Einsichten blieben nicht verborgen. Kaum hatte man in Dresden seine Tüchtigkeit kennen gelernt, so berief man ihn dahin und fand das in ihn gese[t]zte Zutrauen so sehr gerechtfertigt, daß man ihn vor dem Ausbruch des Oestreichischen Erbfolgekriegs mit einer wichtigen Sendung nach Paris schickte. Kaiser Karl VII. berief ihn bald darauf als Reichshofrath nach München. Nach dem Tode dieses unglücklichen Fürsten kehrte er in sein Vaterland zurück und bot August III. von Neuem seine Dienste an, der ihn bald nachher in den Freiherr[e]nstand erhob. Die Schrecken des siebenjährigen Krieges vertrieben ihn im Gefolge des Königs aus Sachsen; er begleitete diesen nach Polen und nahm an den Verhandlungen jener Zeit fleißigen Antheil. Als man nun nach siebenjährigem fruchtlosem Kampfe in Wien und Warschau auf den Frieden sann, vertraute man seiner Geschicklichkeit die erste Unterhandlung an.

Er sprach den König von Preussen in Meissen und dann in Leipzig und brachte die Bestimmung einer Friedensversammlung bald zu Stande, wurde von seinem Könige zum Mitgliede der Versammlung zu Hubert[u]sburg ernannt, arbeitete daselbst an dem Abschluß des Friedens und erwarb sich darin um Sachsen großes Verdienst. Seine Erhöhung zum Konferenzminister war eine seiner Auszeichnung würdige Belohnung. Noch zwölf Jahre nach der Herstellung der Ruhe in Teutschland wirkte er segensvoll in Sachsen für Fürst und Volk, als ein redlicher und geschickter Geschäftsmann und als ein treuer Patriot. Als er am 1. Dezember 1775 starb, folgte die Dankbarkeit und das allgemeine Bedauern seinem Sarge und verbürgte dem vollendeten Edeln ein bleibendes Andenken unter seinem Volke, das seinen Namen noch mit Ehrfurcht nennt. Mitten in dem Geräusche des thätigen und unruhigen Geschäftslebens hatte der Denker die Einsamkeit kennengelernt und lieb gewonnen; es erschienen von ihm (1763) ‚Zufällige Betrachtungen über die Einsamkeit.‘“

Klarkes Nekrolog hatte die wichtigsten öffentlichen Stationen von Fritschs Leben angerissen. Ausführlicher indes ist nun nicht nur eine knappe Lebensskizze des Erwähnten erschienen, sondern vielmehr eine umfangreiche Biographie. Vorgelegt wurde sie im Druck am 30. Jänner 2024 (allerdings, entgegen dieser Zeitangabe, retrospektiv mit der Jahresangabe „2023“ auf Seite 3 versehen) als eine mindestens seit 2015 (Seite 7) erarbeitete, schließlich im Sommersemester 2022 an der Technischen Universität zu Chemnitz angenommene Dissertation [1] von Marian Bertz. [2] Sie trägt den Titel „Thomas von Fritsch (1700-1775). Ein sächsischer Reformpolitiker im Ancien Régime“, erschien als Band LXXI der von Enno Bünz, Andreas Rutz, Joachim Schneider und Ira Spieker herausgegebenen Schriftenreihe „Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde“ im Leipziger Universitätsverlag hardcovergebunden unter der ISBN „978-3-96023-585-9“, kann im Buchhandel um den Preis von 55,00 Euro erworben werden, umfaßt 390 Seiten, enthält zwei Bildteile mit zusammen 17 Abbildungen.

Dabei ist es erstaunlich, daß der Biographierte erst jetzt eine umfassendere Würdigung erfahren hat, war er doch einer der wichtigen Politiker des „Rétablissements“, wie die sächsische Reformzeit nach dem Siebenjährigen Kriege genannt wurde. [3] Drei Ziele möchte der Verfasser mit seiner Studie erreichen (Seite 14-15). Er will erstens eine Neubewertung des Rétablissements erreichen (charakterisiert schließlich eher als Kontinuität denn als Neuerung auf den Seiten 310-330), zweitens Merkmale des Typs des „bürgerlich-neuadeligen“ Rittergutsbesitzers herausarbeiten (dies geschieht auf den Seiten 73-80) [4] und drittens anhand der Einzelvita eines Amtsträgers nähere Einblicke in die Ämtermannigfaltigkeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation geben (sicherlich der am wenigsten bedeutendste Exkurs). Die Biographie geht dazu chronologisch aufsteigend vor und bildet um den bei Klarke angerissenen Lebensweg den roten Faden, arbeitet mithin die Lebensstationen ab.

Allerdings werden die Lebensabschnitte unterschiedlich gewichtet; so konnte der Verfasser über die Jugendzeit nur sehr wenige Daten oder Lebensumstände ermitteln. Der junge Fritsch, geboren als nichtadeliger Buchhändlersohn und getauft in der Buchhandelsstadt Leipzig, studierte in seiner Vaterstadt Leipzig die Rechte, doch legt der Verfasser dar, daß es weder falsi- noch verifizierbar sei, daß Fritsch 1721 ein Doktorat erlangt hätte (Seite 23-24); überliefert ist nur eine als „Exercitatio“ (Übung) bezeichnete Fritsch‘sche Schrift (Seite 41), die ausdrücklich nicht als „Dissertatio“ bezeichnet wurde, indes bisweilen durchaus als schriftliche Arbeit zur Erlangung des Doktorgrades gewertet worden ist. [5] Verschiedene Umstände sprechen zwar dafür, andere Indizien wiederum dagegen, der Verfasser hat jedoch alle ihm zugänglichen Belege dazu gesammelt und sie einander gegenübergestellt, den Schluß, den Lesende daraus ziehen können, jedoch offengelassen.

Ergänzend könnte man noch hinzufügen, daß die um 1721 aufgestellten akademischen Abschlußschriften von Studenten in Leipzig durchaus unterschiedliche Bezeichnungen trugen. So publizierte der Verlag Imannuel Tietze in Leipzig im selben Jahre 1721 beispielsweise von Ferdinand August Hommel: „Dissertatio Iuridica Qua Omnem Actionem Confessoriam Ex Servitute; Negatoriam Vero Ex Libertate Esse“ mit 26 Seiten; 1720 erschien dagegen im Verlag Schede in Leipzig die „Disputatio Inauguralis Juridica De Exemplis Von Copeyen“ seitens des Studenten Georg Engelbrecht mit 18 Blatt, dann 1726 im Verlag Breitkopf in Leipzig die „Exercitatio Ivris Saxonici Electoralis De Ivre Relvendi Bona Svb Hasta Vendita Eivsqve Præsertim Spatio Legitime Compvtando Ad Ord. Sax. Elect. Ivdic. Recogn. Tit. XXXIX, §. 19“ des Franz Karl Conradi – alle drei gelten heute als juristische Dissertationen. [6]

Doch gleichgültig, welchen Abschluß Fritsch erlangt hatte, sicher ist wiederum, daß er – nach Absolvierung einer dreijährigen Bildungstour durch Europa (Seite 25-27) – zunächst 1724 als Legationssekretär in den sächsischen Staatsdienst, dann 1742 in den kaiserlichen Dienst, schließlich wieder – 1762 – in den sächsischen Landesdienst trat und vielfältige Ämter bekleidete, was auch schon oben bei Klarke anklang. Allein dort nicht erwähnt worden war, daß er als Vorsitzender der Restaurierungskommission im „Rétablissement“ Sachsens eine bedeutende Rolle spielte, dazu neben Denkschriften auch eine Art von „Marshallplan“ – oder besser gesagt eine Art „Saxonian Recovery Program“ entwarf, für industrielle und ökonomische Prosperitätsentfaltung in Sachsen sorgte.

Der Verfasser zeichnet diesen Lebensweg detailliert nach, hat dazu neben der Literatur auch viele Akten und Briefe benützt (beispielsweise im Abschnitt auf den Seiten 168-190), die bisher unpubliziert in Archiven lagen, wodurch ihm in seiner Darstellung sehr persönliche Einblicke möglich werden, die eng am jeweils damaligen Geschehen entlang führen. Auffallend ist an vielen Stellen in der Vitenerzählung der gut reflektierte Forschungsstand (so unter anderem auf den Seiten 67, 123-34 und 310-330), beispielsweise bei der Erörterung der Frage, ob man die Begrifflichkeiten „Absolutismus“ – „hat […] ausgedient“ (Seite 126) – und „aufgeklärter Absolutismus“ – besser „Reformabsolutismus“ (Seite 130) – noch für benützbare Kategorien halten könne (Seite 123-131).

Bei der vom Verfasser gewählten Form der Auseinandersetzung ist indes zu bemerken, daß sich die dargestellte Biographie als eine sachliterarische Form der Erzählung präsentiert, bei der der Verfasser die ihm wichtig erscheinenden Lebenslaufpunkte hervorhob und solche Lebenslaufpunkte in Fortfall geraten ließ, die er bei seinem Protagonisten für wenig wichtig erachtete. Die „ältere Biographik“ als Geschichte „großer Männer“ lehnt der Verfasser in seinen Methodikerörterungen (Seite 13-14) ab, verschreibt sich stattdessen dem „modernen biographischen Zugriff“. Darunter versteht der Verfasser, daß den „zahlreichen Ein- und Rückwirkungen zeitgenössischer Lebensumstände, Denkströmungen oder anderer handelnder Akteure auf die [biographierte] Person“ nachgegangen würde (Seite 13).

Abgesehen davon, daß dieser Ansatz bedauerlicherweise immer noch einem zwar weit verbreiteten, aber doch mittlerweile veralteten humanozentrischen Akteurs- und Geschichtsbild folgt, [7] erfüllt die Arbeit die genannten Bedingungen zunächst mustergültig, denn „zeitgenössische Lebensumstände“ und „Denkströmungen“ wie der „aufgeklärte Absolutismus“ werden durchaus detailliert erörtert (Seite 123-131), ebenso werden unterstützende und den Lebensgang der Hauptfigur behindernde Antagonisten (wie Graf Brühl) eingeführt (Seite 10-11, 81-82, 190-191). [8]

Allerdings gibt es solche Verknüpfungen auch in der „älteren Biographik“; auch die – hier nur exemplarisch herangezogene – „altbiographische“ Vitenschilderung „Leben und Thaten des Königlichen Preußischen General-Feldmarschalls Fürsten Blücher von Wahlstatt“, geschrieben von Louis von Wallenrodt und 1831 im Verlag Böhme zu Stettin (mit XII und 264 Seiten) erschienen, berücksichtigt nicht nur den Menschen selbst, sondern auch die Kriegsumstände, die Einflüsse anderer Menschen auf Blücher, berücksichtigt mithin ebenso „zahlreiche Ein- und Rückwirkungen zeitgenössischer Lebensumstände, Denkströmungen oder [die Einflüsse] anderer handelnder Akteure auf die Person.“ Insgesamt hätte daher die Methodik ausführlicher ausfallen dürfen, wird allzu rasch auf nicht einmal einer Druckseite abgetan. Dabei wäre beispielsweise die Erörterung „Historische Biografieforschung“ [sic!] von Levke Harders (2020) als vorbildlich zu benennen. [9]

Als bedenklich ist dann aber zusätzlich die Bemerkung des Verfassers zu bewerten, daß die Biographik als Methode „der in anderen Teildisziplinen zu beobachtenden Tendenz zur theoretischen Überfrachtung“ entgehen würde (Seite 14). Mit diesem Kunstgriff in der Argumentation enthebt sich der Verfasser zwar rhetorisch der Notwendigkeit einer theoretischen Reflektion seines Ansatzes, praktisch versagt dieses Mittel aber mit der Folge, daß über Theorie (auch die nicht „überfrachtete“) erst gar nicht gesprochen wird. [10]

Dabei ist die Biographie als eine problematische geschichtswissenschaftliche Darstellungsweise zu bezeichnen. Coester (2014) bemängelte daher auch, es habe „sich die Geschichtswissenschaft weiterhin der Darstellung stringenter Lebenswege großer Männer“ gewidmet, „die, meist unabhängig vom historischen Kontext und abgehoben von den gesellschaftlichen Gegebenheiten ihrer Zeit, den Lauf der Dinge veränderten.“ [11] Genau diese Problematik trifft auch auf die vorliegende chronologisch aufsteigend organisierte Lebenslaufschilderung zu. Reiht man einmal die Adjektive aneinander, mit denen der Verfasser seine Hauptfigur ausstattet und bewertet, dann kommt man zu dem Schluß, daß dort, wo die Figur Erfolge hatte, wo sie aktiv ihre Umwelt bestimmen konnte, ihr Glanz hervorgehoben wird, ein Scheitern aber des Öfteren mißlichen Umständen oder übermächtigen Zeitgenoss:innen zugeschrieben wird.

Entsprechend liest sich die Zusammenfassung auf den Seiten 331 bis 336 in der „Schlußbetrachtung“. Dort kulminiert das Leben der Hauptfigur mit einem „kühnen Sprung aus einer noch nicht gänzlich zum Stehen gekommenen Kutsche“ (Seite 331). Damit scheint ein rastloses Tätigsein des Biographierten bis ins hohe Alter angedeutet zu werden. Welcher Überlieferung zufolge aber der „kühne Sprung“ nachgewiesen sein könnte, eröffnet der Verfasser leider nicht, zumindest bei Woldemar v.Biedermann (Goethe-Forschungen, Band I, Frankfurt am Main: Literarische Anstalt Rütten & Loening 1879, Seite 216) ist nur von folgendem abgeschwächtem Umstand die Rede: „Thomas Frei­herr von Fritsch starb am 1. December 1775 in Folge einer Verletzung, die er sich beim Sprung aus einem Wagen, dessen Anhalten er nicht abwartete, zugezogen hatte.“ Das „kühn“ muß daher vorläufig als ausschmückende dramaturgische Erzählverschärfung und Erfindung des Verfassers der Biographie gelten. [12]

Obschon der Verfasser also dezidiert die „ältere Biographik“ ablehnt, huldigt er ihr an manchen Stellen doch und erfüllt damit, wenn auch nur partiell, was Zimmermann (2022) so umschrieb: „Die regelmäßige Beschreibung des Lebenskreises als Aufstiegsmodell, die Betonung der Weisheit des Alters, der Wunsch, ‚große Männer‘ möchten dem Tod aufrecht und vorbildlich begegnen, und ein Kult der ‚letzten Worte‘ erwiesen sich freilich in der Biographik als recht dauerhafte Konzepte.“ [13].

Allerdings wurden der Hauptfigur verfassendenseitig durchaus auch Eigenschaften zugeschrieben, die (aus Nachgeborenensicht) vielleicht als Kritik umschrieben werden könnten, so beispielsweise die Beharrung auf Unfreiheitsabhängigkeiten der Fritsch‘schen Untertanen bei gleichzeitiger Reformtätigkeit in diesem Bereich auf sächsischer Landesebene: Was die Hauptfigur in Sachsen mit den bäuerlichen Frondiensten vorhatte, sei von ihm auf seinem Gut Seerhausen bei Riesa nicht umgesetzt worden (Seite 100-103). [14]

Die Darstellung der Hauptfigur der Erzählung erinnert indes auffallend an Hannah Arendts Modell der „vita activa“, aber auch an den Tätigkeitsimpetus eines bestimmten  Adelsideals [15]. Nötig wäre diese Einordnung indes nicht gewesen, da Fritsch in der Forschung unzweifelhaft als „spiritus rector“ der sächsischen Reformzeit nach dem Siebenjahreskrieg (1756-1763) weithin anerkannt worden ist. [16]

Eigenwillig und in der Biographieschilderung nicht erklärt – aber erklärungsbedürftig – erscheint zudem die verfasserseitige Bezeichnung „Thomas von Fritsch (1700-1775)“ auf dem Titel des Werkes [17], bezog sich der Verfasser der Vita dabei doch auf einen Zeitabschnitt zwischen der untitulierten Nobilitierung im Jahre 1730 (Allgemeines Verwaltungsarchiv zu Wien, Akte mit der Signatur „AT-OeStA/AVA Adel RAA 125.28“ und dem Titel „Fritsch, Thomas, königlich polnischer und kurfürstlich sächsischer Regierungsrat, auch Münzkabinettsinspektor, rittermäßiger Adelsstand, ‚von‘“) und der Erhebung des Betreffenden in den Reichsfreiherrenstand (Allgemeines Verwaltungsarchiv zu Wien unter der Signatur „AT-OeStA/AVA Adel RAA 125.30“ mit der Bezeichnung „Fritsch, Thomas, kaiserlicher Reichshofrat, Panierherrenstand [18] und Freiherrenstand als ‚Freiherr und Panierherr von Fritsch zu Seerhausen‘“) im Jahre 1742. [19] Entgegen der verfasserseitigen Angabe wird aber das Leben der Hauptfigur durchaus auch von 1700 bis 1730 und von 1742 bis 1775 beschrieben; damit aber ist der Titel „Thomas von Fritsch (1700-1775)“ eher unpassend.

Zugegebenermaßen wäre allerdings auch die Bezeichnung „Thomas Freiherr und Panierherr v.Fritsch zu Seerhausen (1700-1775)“ ebenso verkehrt, wie überhaupt die Kombination zwischen den insgesamt drei Namensformen (Geburt, Nobilitierung, Freiherrenstandserhebung) und den Lebensdaten tatsächlich eine unmögliche Quadratur des Kreises bedeuten würde. Allenfalls kompromißhaft noch wäre widerspruchslos die Bezeichnung „Thomas von Fritsch. Ein sächsischer Reformpolitiker im Ancien Régime“ möglich gewesen, unter Verzicht auf alle Lebensdaten, dann aber bedauerlicherweise ohne die nähere zeitliche Verortung in eben jenem Ancien Régime, welches man gemeinhin in der Geschichtswissenschaft als die Zeit vom Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) bis zur französischen Revolution (1789) bezeichnet. [20]

Das vom Verfasser präsentierte Aktenverzeichnis (Seite 353-358) ebenso wie das Literaturverzeichnis sind indes beeindruckend. Bei dieser Fülle verwundert es, daß einige Werke bemerkenswerterweise nicht benützt wurden, obschon einschlägig zum Thema passend. So fehlen a) Karl Olivier v.Beaulieu-Marconnays Buch mit dem Titel „Anna Amalia, Carl August und der Minister von Fritsch. Beitrag zur deutschen Cultur- und Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts“, erschienen in Weimar beim Verlag Böhlau 1874 mit 256 Seiten (fehlt in den beiden Literaturverzeichnissen auf den Seiten 358 und 360), b) Marko Kreutzmanns Aufsatz mit dem Titel „Adel und Staatsdienst in den sächsisch-ernestinischen Territorien im 18. Jahrhundert. Das Beispiel der Familien von Ziegesar und von Fritsch“, abgedruckt als Aufsatz bei Paul Beckus / Thomas Grunewald / Michael Rocher (Herausgeber): Niederadel im mitteldeutschen Raum (um 1700-1806), Halle an der Saale 2019, Seite 98-114 (fehlt im Literaturverzeichnis auf Seite 369), dann c) Hans Baumgärtels Buch „Bergbau und Absolutismus. Der sächsische Bergbau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und Maßnahmen zu seiner Verbesserung nach dem Siebenjährigen Kriege“, erschienen in Leipzig im Deutschen Verlag für Grundstoffindustrie 1963 mit 192 Seiten (mit expliziter Fritscherwähnung), fernerhin d) der Aufsatz von Werner Plumpe mit dem Titel „Ein historisches Lehrstück von Staatsverschuldung und Finanzpolitik. Das kursächsische Rétablissement von 1763“, abgedruckt bei Otto Depenheuer (Herausgeber): Staatssanierung durch Enteignung? Legitimation und Grenzen staatlichen Zugriffs auf das Vermögen seiner Bürger, Berlin / Heidelberg: Springer 2014, Seite 7-21 (mit expliziter Fritscherwähnung). Erstaunlicherweise fehlt auch e), obschon im Haupttext detailliert behandelt, im Literaturverzeichnis Thomas Fritschs eigenes akademisches Werk „Exercitatio juris publici de iure imperii in magnum ducatum etruriae“ (Seite 358), erschienen in Leipzig 1721 bei Immanuel Titius (Tietze), wie oben schon beschrieben.

Trotz der angesprochenen Monita wird man aber insgesamt die umfangreiche biographische Erzählung zu einer der zentralen Figuren des sächsischen Rétablissements als einen fundierten, vielfältig ausgeleuchteten Beitrag zur Landesgeschichte bezeichnen können, mit dem eine Forschungslücke geschlossen worden ist, weil hier Einblicke in die Fundamentierung und Entstehung der Politik nach dem siebenjährigen Kriege geworfen werden.

Dabei dachte Fritsch in seinen im Buch intensiv analysierten (auch politischen) „Zufälligen Betrachtungen in der Einsamkeit“ unter dem Motto „Per damna, per caedes, ab ipso ducit opes animumque Ferro“ (aus dem Jahre 1761) an viele neue „aufklärerische“ Ideen, die später zwar nur abgeschwächt umgesetzt worden sind, aber doch einen Schritt hin zur Verwandlung der Krise im Lande bedeuteten, Sachsen aus der Not der Kriegsniederlage heraus zu einem „modernen“ Staat mitformten.

Diese Rezension stammt von Dr. Dr. Claus Heinrich Bill (erstellt im März 2024).

Annotationen:

1 =  In Erarbeitung oder Drucklegung, dies wird nicht ganz klar, wurde die Arbeit finanziell durch Mittel aus dem sächsischen Landeshaushalt gefördert (Seite 4).

2 = Auf der Webseite des Leipziger Universitätsverlages heißt es zu ihm als Verfasser: „Marian Bertz, geb. 1987, ist Museumspädagoge im Karl-May-Haus Hohenstein-Ernstthal. Er studierte Europäische Geschichte in Chemnitz und Bangor/Wales und wurde 2022 promoviert. Zudem war er von 2012 bis 2022 im Schloßbergmuseum und auf Burg Rabenstein (beide Chemnitz) sowie 2014 bei der Ersten Brandenburgischen Landesausstellung in Doberlug-Kirchhain Museumsführer. 2019 bis 2021 arbeitete er in einem Chemnitzer Auktionshaus für Kunst und Antiquitäten. Forschungsinteressen und -schwerpunkte sind die deutsche und sächsische Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts sowie das Leben und Werk Karl Mays.“ Dies zitiert nach der Webseite mit der URL „https://www.univerlag-leipzig.de/catalog/bookstore/author/1952-Marian_Bertz“ gemäß Abruf vom 13. März 2024.

3 = Dazu siehe Horst Schlechte: Die Staatsreform in Kursachsen 1762.1763. Quellen zum kursächsischen Rétablissement nach dem Siebenjährigen Kriege, Ost-Berlin 1958 (Band V der  Schriftenreihe des Sächsischen Landeshauptarchivs Dresden“).

4 = Der Begriff „bürgerlich-neuadelig“ erweist sich zunächst als irritierend und verwirrend, da einem herkömmlichem Verständnis nach jemand eigentlich nur „bürgerlich“ oder „neuadelig“, aber nicht beides zusammen sein kann. Betrachtet man sich die soziale Verfaßtheit aber poststrukturalistisch und situativ, so kann die gewählte Bezeichnung Sinn machen und analog zum Musenhof verstanden werden, der auch eine gemischtständische flüchtige Aufführung zur Eörterung von gesellschaftlichen Herausforderungen darstellte. Siehe dazu Reinhard Blänkner / Wolfgang de Bruyn (Herausgebende): Salons und Musenhöfe. Neuständische Geselligkeit in Berlin und in der Mark Brandenburg um 1800, Hannover:  2009, 196 Seiten (enthält neun gedruckte Beiträge des Kolloquiums „Salons und Musenhöfe. Neuständische Geselligkeit in Berlin und in der Mark Brandenburg um 1800“ vom 18. Juli 2008 im Gutshaus Sieversdorf; betrifft unter anderem Musenhöfe auf dem Lande und gemischt nichtadelig-adelige Zusammenkünfte in der „Übergangsgesellschaft“ der Koselleckschen „Sattelzeit“). Der Verfasser meint denn wohl auch den nicht individuell zu verstehenden Rittergutsbesitzer, sondern kollektiv den Typus einer gemischt bürgerlich-neuadeligen Rittergutsbesitzerschaft, die im Gegensatz zur altadeligen Ritterschaft gestanden habe. Deren Grenze verlief durch Ahnenproben zur Stiftsfähigkeit (Seite 291) als Reglementierungs- und Scheidungsmittel (Zugangsschranke) zwischen Rittergutsbesitzern mit Landtagsfähigkeit und solchen ohne Landtagsfähigkeit. Der Verfasser exemplifiziert diesen Umstand anhand der Hauptfigur in vielen einzelnen Situationen. Seiner Meinung nach sei die Hauptfigur in den Adel hineingewachsen, so als gäbe es eine feste und strukturalistisch gedachte „Gruppe“ von „Adel“, in die man hätte ein Mal, dann aber für immer, aufgenommen werden können. Dieses Hineinwachsen sei bewerkstelligt worden (Seite 73-76) durch den 1729 erfolgten Ankauf des Gutes Seerhausens, die Nobilitierung 1730 auf Kurfürstenwunsch (Seite 35), den 1741 erfolgten Verkauf der aus väterlichen Erbe überkommenen Buchhandlung (als bürgerlichem Gewerbe) und der damit verbundenen Wechsel der Einkunftsarten (hin zu den Einkünften aus Grundbesitz und Ämtern), seine Umorientierung von einer Art der reinen Eigennutzwirtschaft (Geld verdienen durch die Tätigkeit für den persönlichen Wohlstand) zu einer Art Gemeinnutzökonomie (Geld verdienen durch die Tätigkeit in öffentlichen Angelegenheiten), das eigene adelige und das Konnubium seiner Kinder und die adeligen Patenschaften, die selbst beantragte und erbetene Erhebung in den Freiherrenstand 1742 (Seite 63-64).

5 = Henry Neumüller: Ritterorden St. Stanislaus, gestiftet 1765, Band I, Unterpremstätten 2016, Seite 113.

6 = So gemäß des Gemeinsamen Verbundkatalogs des Gemeinsamen Bibliotheks-Verbundes mit Stand jeweils am 10. März 2024 unter den URLs https://kxp.k10plus.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=147600340 (Breitkopf), https://kxp.k10plus.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=18086341X (Englebrecht) und https://kxp.k10plus.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=332124029 (Fritsch), https://kxp.k10plus.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=151001820 (Hommel).

7 = Siehe zur Alternative Arndt Brendecke (Herausgeber): Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure, Handlungen, Artefakte, Köln / Weimar / Wien: Böhlau Verlag Gmbh & Cie 2015, 714 Seiten (Band III der Schriftenreihe „Frühneuzeit-Impulse“); Dagmar Freist (Herausgeberin): Diskurse, Körper, Artefakte. Historische Praxeologie in der Frühneuzeitforschung, Bielefeld: Transcript 2015, 407 Seiten; Dagmar Freist: Historische Praxeologie als Mikro-Historie, in: Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (Herausgeberin): Akteure, Handlungen, Artefakte, Köln: Böhlau-Verlag 2015, Seite 62-77; Lucas Haasis / Constantin Rieske (Herausgeber): Historische Praxeologie. Dimensionen vergangenen Handelns, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, 243 Seiten (entstanden aus der Workshopreihe „Doings-Sayings-Writings“, die in Oldenburg von 2012 bis 2014 stattfand).

8 = Die Verwendung des literaturwissenschaftlichen Begriffes „Figur“ macht hier insofern Sinn, als der Verfasser nicht bestrebt ist, den Lebenslauf des biographierten Sachsen insgesamt darzustellen, sondern bestimmte Situationen desselben herauszuheben, um sie in eine Art von Kontinuität zu stellen. Damit unterliegt die „Figur“ einer dramaturgischen Organisation seitens des Verfassers. Dazu notierte Elke Platz-Waury: Figur, in: Klaus Weimar / Harald Fricke / Klaus Grubmüller / Jan-Dirk Müller (Herausgebende): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, Berlin / New York: Verlag Walter de Gruyter, Band I (A-G), Seite 587: „Fiktive Gestalt in einem dramatischen, narrativen oder auch lyrischen Text (z. B. Rollengedicht, Ballade). Expl: Neben Handlung, Raum und Zeit bildet die Figur mit ihrer sinnkonstituierenden und handlungsprogressiven Funktion einen elementaren Baustein der fiktiven Welt eines Textes. Die Konzeption der Figur ist dabei je nach Gattung und Epoche verschieden. (1) Bei der Konstitution der fiktiven Welt im Drama oder Roman reagiert der Leser [...] vorrangig auf die Figuren, die er sich zu lebendigen Personen komplettiert, obwohl die Informationen über sie – anders als im ,realen' Leben – abgeschlossen, endlich und nicht beliebig zu erweitern sind.“ Hier ist zu bemerken, daß auch die Informationen zur „realen“ Person, die der Figur zugrunde liegen, ebenfalls „endlich und nicht beliebig zu erweitern sind“, da die allermeisten ihrer Taten, Gedanken und Handlungen nicht aufgezeichnet worden sind. – Zu den fünf Formen historischen Erzählens siehe zudem Jakob Krameritsch: Die fünf Typen des historischen Erzählens im Zeitalter digitaler Medien, in: Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (Hg.): Zeithistorische Forschungen, Band VI, Potsdam 2009, Heft Nr. 3, Seite 413-432. Krameritsch ergänzt die ehedem vier „Rüsen’schen Idealtypen der historischen Sinnbildung“ und „Formen der Geschichtsschreibung“ von 1982 um eine weitere Erzählart, anwendbar auch auf Formen adeligen Selbsterzählens; erörtert die Formen des traditionalen, exemplarischen, kritischen, genetischen und des ergänzenden situativen Erzählens. Demnach erweist sich die Erzählung bei dem Verfasser des Fritschwerkes vor allem als ein Hybrid aus traditionalem, exemplarischen und genetischem Erzählen. So heißt es zum genetischen Erzählen: „Dieses ist im kritischen Erzählen schon angelegt, bricht allerdings nicht mit der Vergangenheit, sondern sieht im steten Anderswerden und Verändern des Gegebenen entweder Anzeichen eines kontinuierlichen Verfallsprozesses oder eine Chance: Die Zukunft ist hierbei potenziell die Überbietung der Herkunft, die Herkunft wiederum notwendiges Rohmaterial, aus dem Neues und Höheres geformt werden kann.“ Freilich unterliegt auch die vorliegende Erzählung des Rezensenten bestimmten Erzählformen, hier wäre zu nennen namentlich das kritische ebenso wie das situative Erzählen.

9 = Levke Harders: Historische Biografieforschung [sic!], Version 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, erstellt am 31. Oktober 2020, abgerufen am 10. März 2024 unter „http://docupedia.de/zg/Harders_historische_Biografieforschung_v1_de_2020“ unter der Digital Object Identifier Number „http://dx.doi.org/10.1476 5/zzf.dok-2014“ vom Dok[umenten]server des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

10 = Dazu siehe Christian Klein (Herausgeber): Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Berlin / Heidelberg: J. B. Metzler 2. Auflage 2022, XXXVII und 693 Seiten.

11 = Christian Coester: Biographie, in: Anne Kwaschik / Mario Wimmer (Herausgeber): Von der Arbeit des Historikers. Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Bielefeld: Transcriptverlag 2014, Seite 37-40 (hier Seite 37).

12 = Es ist nicht geklärt, ob der Biographierte „kühn“ und damit „mutig“ (laut Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, Band II, Leipzig: Johann Gottlob Immanuel Breitkopf und Compagnie 1796, Seite 1820: „keine Gefahr und keine Einschränkung scheuend“) aus der Kutsche gesprungen war oder ob der folgenreiche Sprung anderen Gründen zuzuschreiben war.

13 = Christian von Zimmermann: Biographie und Anthropologie, in: Christian Klein (Herausgeber): Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Berlin: Gesellschaft Springer-Verlag 2. Auflage (Imprint J. B. Metzler, ehemals Stuttgart) 2022, Seite 98.

14 = Hier ist also verfasserseitig bisweilen durchaus kritisches Erzählen eingeflochten worden. Andererseits wiederum bezeichnet der Verfasser Seerhausens Herrenhaus als „Schloß“ (Seite 34 in Fußnote Nummer 17). Auch im Alltagswissen wurde ehedem zeitgenössisch und wird auch heute noch ein Herrenhaus bisweilen als „Schloß“ bezeichnet, so nach Pierers Universal-Lexikon, Band XV,  Altenburg 1862, Seite 295: „Schloß, 1) die Residenz eines Fürsten, wenn dieselbe aus mehren Gebäuden besteht, welche zusammen ein abgeschlossenes Ganzes ausmachen; der Hof um od.[er] an dem S-[chloss]e heißt Schloßhof, der Garten an demselben Schloßgarten; die dabei befindlichen Kapellen (Schloßkapellen), od.[er] Kirchen (Schloßkirchen) sind zunächst zum Gebrauch des Fürsten u.[nd] seiner Dienerschaft bestimmt (daher auch Hauskirche), der dabei angestellte Geistliche heißt Schloßprediger (Hofprediger); der Aufseher solcher Schlösser, wo der Fürst nicht gewöhnlich residi[e]rt, heißt Schloßhauptmann; 2) die durch Größe od.[er] edeln Styl ausgezeichnete Wohnung eines Rittergutsbesitzers; 3) so v.[iel] w.[ie] Burg od.[er] Castell.“ Auch Walter Hotz notierte in seinem Werk „Kleine Kunstgeschichte der deutschen Schlösser“ (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 3. Auflage 2011) auf Seite 1 lediglich: „Unter einem ‚Schloß‘ verstehen wir heute den repräsentativen Wohnbau des Adels und des bürgerlichen Patriziats“ und versteht damit unter einem „Schloß“ keinesfalls nur eine Fürstenresidenz. Zudem spricht für die verfasserseitig benützte Vokabel auch das historische Vorkommen der „Schloß“-Bezeichnung bei Seerhausen, so bei Johann Friedrich Gauhe: Des Heiligen Römischen Reichs Genealogisch-Historisches Adels-Lexicon. Darinnen die älteste und ansehnlichste adeliche, freyherrliche und gräfliche Familien nach ihrem Alterthum, Ursprunge, Vertheilungen in unterschiedene Häuser [et]c. nebst den Leben derer daraus entsprossenen berühmtesten Personen, insonderheit Staats-Minister mit bewährten Zeugnissen vorgestellet werden, Leipzig: Verlag Gleditsch 1740, Spalte 2091, wo es im Artikel zur Familie v.Schleinitz heißt: „Die Endigung itz und itzky [beim Nachnamen Schleinitz] zeiget an, daß dieses vornehme Geschlecht von den Sorben und Wenden entsprossen, als welche in vorbesagter Gegend, wo das Stammschloß Schleinitz gelegen, ihren Sitz gehabt, gleichwie auch das ansehnliche Ritterguth und Schloß Seerhausen nicht weit von Schleinitz gelegen, als ein alter Stammsiz dieser Familie gehöret, bis es durch Vermählung ebenfalls an das vornehme Geschlecht Bose gelanget, auf welchem ein Stamm-Baum derer von Schleiniz anzutreffen, welcher sich Anno 1293 mit Heinrichen von Schleiniz und dessen Gemahlin, einer von Zornau, anfänget, und sich An. 1683 mit Johann Georgen endiget, wobey die Bildnisse derer von Schleiniz, binnen gedachter Zeit zu sehen. Es ist aber dieses wichtige Ritterguth nebst einem schönen Garten, ietzo in ander[e]n Händen.“ Diese „andern Hände“ waren die Hände Fritschs; da indes Fritsch Seerhausen erst 1729 erworben hatte und erst 1730 frisch geadelt worden war, erfolgte hier noch keine Ruhmmehrung bei der Nennung im Gegensatz zu den altadeligen Familien; sein Name wurde von Gauhe kurzerhand entinnert, da ihm noch keine hinreichend adelige Vergangenheit zugeschrieben worden war.

15 = Dazu siehe weiterführend Hannah Arendt: Vita activa oder vom tätigen Leben, Stuttgart: Verlag Kohlhammer 1960, 375 Seiten.

16 = Dazu beispielhaft Marcus Sachse: Adel und praktisch-populäre Aufklärung, in: Martina Schattkowsky (Herausgeberin): Adlige Lebenswelten in Sachsen. Kommentierte Bild- und Schriftquellen, Köln / Weimar / Wien: Verlag Böhlau 2013, Seite 221; Katrin Keller: Adel und Hofdienst, in: Martina Schattkowsky (Herausgeberin): Adlige Lebenswelten in Sachsen. Kommentierte Bild- und Schriftquellen, Köln / Weimar / Wien 2013, Seite 228; Marko Kreutzmann: Zwischen ständischer und bürgerlicher Lebenswelt. Adel in Sachsen-Weimar-Eisenach 1770 bis 1830, Köln / Weimar / Wien: Verlag Böhlau 2008, Seite 64; Reiner Groß: Die Wettiner, Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2007, Seite 206;  Uwe Schirmer (Herausgeber): Sachsen 1763-1832 zwischen Rétablissement und bürgerlichen Reformen, Beucha: Sax-Verlag 1996; Werner Plumpe: Ein historisches Lehrstück von Staatsverschuldung und Finanzpolitik. Das kursächsische Rétablissement von 1763, in: Otto Depenheuer (Herausgeber): Staatssanierung durch Enteignung? Legitimation und Grenzen staatlichen Zugriffs auf das Vermögen seiner Bürger, Berlin / Heidelberg: Verlag Springer VS 2014, Seite 15-18; Winfried Müller: Redisenzstadt und inverse Aufklärung? Dresden im 18. Jahrhundert, in: Carsten Zelle (Herausgeber): Das achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift  der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts, Band XXXVII, Heft Nr. 2 (Themenheft „Aufklärung und Hofkultur in Dresden), Göttingen: Verlag Wallstein 2013, Seite 197-198, und dergleichen mehr.

17 = Der in Rede stehende Buchtitel wird geziert von einer Farb-Reproduktion des folgenden Portraitbildes: „Thomas Freiherr von Fritsch, kursächsischer Conferenzminister, 1700-1775. Brustbild ohne Hände h. 0,64 br. 0,51, gemalt für den Buchhändler Reich 1772. Der Körper ist beinahe von rechts gesehen, das volle scharfgeschnittene Gesicht mit der Adlernase nach vorn gewandt. Fritsch, in seinem einer goldenen Borde gezierten Kragen, weisse in der Mitte gescheitelte Lockenperücke, weisse Halsbinde und Busenstreif, über der linken Schulter eine breite dunkelblaue Schärpe. Leipzig, Universitätsbibliothek“. Zitiert nach Richard Muther: Anton Graff. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, Leipzig: Seemann 1881, Seite 56-57.

18 = Abgeleitet vom  Panier, stehend für Fahne bzw. abgeleitet vom Bannerherr: „Wenn bei den alten Deutschen ein Ritter so viel Ansehen und Vermögen hatte, daß er zehn Helme oder Spieße wohl erzeugter Leute gegen den Feind führen konnte, so erhielt er vom Herzog eine Fahne oder ein Bannier; und alsdann nannte man ihn einen Bannerherrn.“ Zitiert nach Brockhaus Conversations-Lexikon, Band I, Amsterdam 1809, Seite 117. Ursprünglich ein mittelalterliches Feldzeichen, fungierte das Banner und der Bannerherr beziehentlich Panierherr nur mehr symbolisch bei den Wiener Verleihungen. Dazu notierte Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der anderen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen, Band I (A-E), Wien: Verlag von B. Ph. Bauer 1811, Spalte 719-720: „Der Bannerherr [.,,,], überhaupt derjenige, welcher ein Panier führet, oder zu führen befugt ist. Beson- [folgt Spalte 720] ders 1) einer von hohen [sic!] Adel, welcher eine beträchtliche Anzahl Vasallen in das Feld führet, und folglich das Recht hat, sein Panier fliegen zu lassen. In diesem Verstande war das Wort ehedem mit Baron gleich bedeutend, und wenn ein solcher Bannerherr Ritter zugleich war, so ward er auch wohl ein Bannerritter genannt. In der Vorrede zur goldnen Bulle heißt es: Fürsten, Grafen, Panerherren, Freyen, Edlen und der Städte; wofür in dem Lateinischen Texte steht: Principum, Comitum, Baronum, Procerum, Nobilium et Civitatum.  [...] In Cöln werden die Häupter der Zünfte gleichfalls Banierherren genannt, vermuthlich weil sie bey feyerlichen Auszügen das Banier oder die Fahne tragen. Anm. In den mittlern Zeiten kommt dieses Wort häufiger vor als heut zu Tage […] Indessen pflegen doch die Kaiser noch jetzt zuweilen die Würde eines Bannerherren in der ersten Bedeutung zu ertheilen. S. Panier und Erbbannerherr.“– Näheres dazu indes auch bei Helga Möhring-Müller / Joachim Schneider / Dieter Rödel: Spätmittelalterliche Adelsterminologie bei Hermann Korner, Andreas von Regensburg und seinen Übersetzern, Veit Arnpeck und Sigismund Meisterlin, in: Rolf Sprandel (Hg.): Zweisprachige Geschichtsschreibung im spätmittelalterlichen Deutschland, Wiesbaden: Reichertverlag 1993, Seite 385-428Abgeleitet vom  Panier, stehend für Fahne bzw. abgeleitet vom Bannerherr: „Wenn bei den alten Deutschen ein Ritter so viel Ansehen und Vermögen hatte, daß er zehn Helme oder Spieße wohl erzeugter Leute gegen den Feind führen konnte, so erhielt er vom Herzog eine Fahne oder ein Bannier; und alsdann nannte man ihn einen Bannerherrn.“ Zitiert nach Brockhaus Conversations-Lexikon, Band I, Amsterdam 1809, Seite 117. Ursprünglich ein mittelalterliches Feldzeichen, fungierte das Banner und der Bannerherr beziehentlich Panierherr nur mehr symbolisch bei den Wiener Verleihungen. Dazu notierte Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der anderen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen, Band I (A-E), Wien: Verlag von B. Ph. Bauer 1811, Spalte 719-720: „Der Bannerherr [.,,,], überhaupt derjenige, welcher ein Panier führet, oder zu führen befugt ist. Beson- [folgt Spalte 720] ders 1) einer von hohen [sic!] Adel, welcher eine beträchtliche Anzahl Vasallen in das Feld führet, und folglich das Recht hat, sein Panier fliegen zu lassen. In diesem Verstande war das Wort ehedem mit Baron gleich bedeutend, und wenn ein solcher Bannerherr Ritter zugleich war, so ward er auch wohl ein Bannerritter genannt. In der Vorrede zur goldnen Bulle heißt es: Fürsten, Grafen, Panerherren, Freyen, Edlen und der Städte; wofür in dem Lateinischen Texte steht: Principum, Comitum, Baronum, Procerum, Nobilium et Civitatum.  [...] In Cöln werden die Häupter der Zünfte gleichfalls Banierherren genannt, vermuthlich weil sie bey feyerlichen Auszügen das Banier oder die Fahne tragen. Anm. In den mittlern Zeiten kommt dieses Wort häufiger vor als heut zu Tage […] Indessen pflegen doch die Kaiser noch jetzt zuweilen die Würde eines Bannerherren in der ersten Bedeutung zu ertheilen. S. Panier und Erbbannerherr.“– Näheres dazu indes auch bei Helga Möhring-Müller / Joachim Schneider / Dieter Rödel: Spätmittelalterliche Adelsterminologie bei Hermann Korner, Andreas von Regensburg und seinen Übersetzern, Veit Arnpeck und Sigismund Meisterlin, in: Rolf Sprandel (Hg.): Zweisprachige Geschichtsschreibung im spätmittelalterlichen Deutschland, Wiesbaden: Reichertverlag 1993, Seite 385-428.

19 = Im Jahre 1974 wurde in einer adelsrechtlichen Nichtbeanstandung der Namensteil "Seerhausen" noch einmal aufgenommen; dazu siehe Stiftung Deutsches Adelsarchiv (Herausgeber): Genealogisches Handbuch des Adels, Freiherrliche Häuser, Band XXII, Limburg an der Lahn: Verlag C. A . Starke 2002, Seite 98-99.

20 = Rolf Reichardt: Ancien Régime, in: Friedrich Jaeger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Band I, Stuttgart: J. B. Metzler 2005, Spalte 371-377.


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