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Projektionsflächen von Adel im langen 20. JahrhundertZu einem novitären Forschungskonzept für die Epoche von 1880 bis 2011In Erweiterung des Begriffes des `langen´ 19. Jahrhunderts zur Auflösung von chronologisch bestimmten Epochengrenzen [1] haben die beiden sächsischen Adelsforscherinnen Dr. Silke Marburg und Sophia von Kuenheim M.A. [2] das `lange´ 20. Jahrhundert in den Blick genommen und folgen damit einem Trend der kulturgeschichtlichen Adelsforschung zur Ausweitung der Forschungen auf das Gebiet nach dem staatsrechtlichen Bedeutungssturz des Adels im Jahre 1919 in den deutschen Ländern und in Österreich. Sie fragen sich, wie das, was Adel ausmacht, durch Träger*Innen von Adelsnamen und Angehörigen der Erinnerungsgemeinschaft des ehemaligen deutschen Adels weiter transportiert und transformiert worden ist. [3] Dazu bemühen sie das Bild der Projektionsflächen von Adel, nicht aber das Konzept der `Adligkeit´. Als Begründung für diesen Wort- und Begriffswechsel sagen sie in ihrem Vorwort, dass `Adligkeit´ ein zu fest mit bestimmten `Bedeutungskernen´ eingelagerter Begriff sei, der nicht offen genug wäre, um Projektionsflächen von Adel offenzustehen. Es gehe nicht darum, zu sehen, worauf diese Kerne projiziert würden, sondern darum, zu ermitteln, welche Projektionsflächen mit welchen Adelsinhalten gefüllt würden. Kritisch einzuwenden wäre hier, dass `Adligkeit´ durchaus so fest umrissen nicht ist und dass die Forschung nur zaghaft versucht hat, derlei Bedeutungskerne zu extrahieren. [4] Ist dies aber geschehen, so unterschieden sich die Konzepte durchaus, so dass eine festgefügte und von allen Forschenden anerkannte Definition von `Adligkeit´ nicht existiert, was aber gerade die monolithische Verwendung bei Marburg und von Kuenheim suggerieren will. Abgrenzung ist in der Tat immer nur durch klare Definitionsablehnung zu vollziehen, in diesem Falle aber nicht leicht möglich. Trotzdem ist der Ansatz, nicht mehr von `Adligkeit´, sondern von `Adel´ zu sprechen, nicht verkehrter oder mißliebiger. Er muß sich freilich noch beweisen, was teils auch durch die Aufsätze des von den beiden Dresdnerinnen herausgegebenen Sammelbandes, der einige (leider nicht alle) Vorträge einer 2011 in Marburg an der Lahn abgehaltenen Adelstagung abdruckt, bereits geschieht. Denn der Band entstand als Gemeinschaftsprojekt mit Beteiligten mehrerer Lehrstühle, die derzeit in der Adelsforschung durch die Vielfalt ihrer Ansätze und personellen Ausstattung ebenso wie den Ausstoß an akademischen Qualifizierungsschriften zu den führenden Zentren der deutschen Adelsgeschichtsschreibung gezählt werden dürfen. Um allerdings das sonst schon einmal gern gepflegte Zitierkartell aufzubrechen, denen sich die `Dresden-Marburger Schule´ um die Professoren Matzerath und Conze sonst gern befleißigen, sind diesmal auch externe Adelsforschende hinzugenommen worden. [5] Sprachwissenschaftler der Universität Leiden werden ebenso wie Oral-History-Experten von der Hagener Fernuniversität mit Beiträgen abgedruckt, denen polnische und mecklenburgische Autor*innen `schulextern´ zur Seite stehen. Diese Vorgehensweise bringt vielfältige Ansätze zu den Projektionsflächen, von denen sich dann aber einige eben doch nicht auf `Adel´, sondern auf `Adligkeit´ beziehen. Gleichwohl geben die beiden Herausgeberinnen in ihrem Vorwort noch einen anderen Methodenbegriff vor, der allerdings nicht weiter diskutiert wird. Sie sprechen vom Adelsweg im 20. Jahrhundert als einem Weg in eine Diaspora. Dieser Ansatz ist relativ neu und überdenkenswert. Allgemein stammt der Begriff aus der Migrationsforschung und bezeichnet nach Agha-Alikhani (2012) eine „(kulturelle) Minderheitsgruppe, die sich […] durch geteilte Wertvorstellungen oder Lebensumstände von der Mehrheitskultur abgrenzt und dadurch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt.“ [6] Lossau (2014) ergänzt dazu, dass damit alle „außerhalb des Herkunftslandes“ lebenden Minderheiten benannt werden sollen. [7] Schließlich verweist Ruth Mayer (2013) darauf, man müsse bei der Untersuchung einer Diaspora mindestens zwei für die Gruppe „periphere Orte“ in den Blick nehmen und „auch die Existenz einer mythisierenden Komponente sollte bei der Bestimmung von D.-Gemeinschaften zentral sein“. [8] Es ist bedauerlich, dass ausgerechnet diese Hinweise auf die Möglichkeit, die Erinnerungsgemeinschaft eventuell unter dem Diaspora-Begriff methodisch zu fassen, nicht weiterführend benutzt worden sind. Eine entsprechende interkulturell orientierte Initialzündung könnte aus diesem Ansatz des Sammelbandes aber trotzdem hervorgehen, da die genannten Beschreibungen des Begriffes auch auf die erwähnte Erinnerungsgemeinschaft im langen 20. Jahrhundert passend erscheinen könnten. Hier werden wohl erst künftige Forschungen fruchtbare Ansätze hervorbringen, wenngleich die Interkulturalitätsforschuung in Bezug auf den historischen deutschen Adel zum Glück nicht mehr ganz neu ist. [9] Beide Definitionen, die unter anderem der sozialgeographischen und interkulturellen Forschung entstammen, haben in Bezug auf den Adel durchaus Vorteile. Man kann auch die Erinnerungsgemeinschaft des ehemaligen deutschen Adels als eine solche Gruppe verstehen, die außerhalb des konkretisierten Adeligseins in der Zeit bis 1919, in der noch Adelsrechte den Adel bestimmten, `entkonkretisiert´ existierte (genauer: transformiert fortexistierte). Der in Rede stehende Sammelband – erschienen im Verlag de Gruyter-Oldenbourg in Berlin Ende 2016 mit 230 Seiten als Beiheft 69 der Historischen Zeitschrift, der um den Preis von 84,95 Euro zu erwerben ist – versammelt nun elf Beiträge mit Erörterungen von Projektionsflächen. Dazu gehören erinnerungsgemeinschaftsspezifische Ausprägungen des Themas von Flucht und Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg ebenso wie die kommunikationswissenschaftlich betrachteten Selbstvergewisserungspraktiken von Buchautor*Innen oder Mitgliedern von virtuellen sozialen Netzwerken. [10] Dazu gehören aber auch die Vielfalt der Anschlußmöglichkeiten und Imprägnierungen mit `Adels´-Inhalten bei Lebensmittelzubereitungen – speziell gedruckten Rezeptsammlungen – von Angehörigen der Erinnerungsgemeinschaft, [11] ferner Erörterungen über die agrarromantische Aufladung ehemals adeliger Wohnsitze wie Schlösser und Herrenhäuser. Die Bandbreite der eher kurzen Analysen reicht bis hin zur Projektion von `Adeligkeit´ bei Wiedereinrichtern, die als Nachkommen von Adeligen heute in den neuen Bundesländern leben. Auch ein Verzeichnis von ehedem adeligen Gutsarchiven im Schweriner Landeshauptarchiv findet sich hier als ganz praktischer Hinweis auf noch weitgehend auf wissenschaftliche Auswertung wartende Familienarchive, auch wenn der Fokus hier auf dem Umgang mit den Familienarchiven als Pool für die als `Adeligkeit´ bezeichnete Selbstverortung von Depositumsgeber*innen liegt und nicht auf der praktischen Archivbenützung. Insgesamt ist jedoch nicht bei dem Sammelband zu übersehen, dass bei aller Betrachtung von einer wissenschaftlichen Metaebene aus der Umgang mit dem Begriff `Adel´ oft nur unreflektiert stattfindet. So ist immer wieder einmal auch von `Adel´ die Rede, wenn von der Erinnerungsgemeinschaft des ehemaligen deutschen Adels die Rede sein müßte. Dies bedeutet, dass der Band selbst `Adligkeit´ perpetuiert, weil nur bis 1919 von einem Adel die Rede sein kann, während nachfolgende Versuche zur Adelsidentität lediglich nur noch eine Erinnerungsgemeinschaft umfassen können. Dies liegt nicht zuletzt an der deutlich rechtlichen Fixierung des Adels bis 1919. Wer aber nach 1919 immer noch von `Adel´ spricht, beteiligt sich selbst an der Aufrechterhaltung erinnerungsgemeinschaftlicher Selbstvergewisserung. Insofern erweisen sich etliche der Beiträger*innen als Helfershelfer*innen der untersuchten Soziofakte, deren Mentefakte sie als Untersuchende unhinterfragt weitertragen. Das mag einerseits damit zu tun haben, dass drei von elf Beitragenden selbst der von ihnen analysierten Erinnerungsgemeinschaft angehören und hier keine klare Trennung zwischen Selbstverortung und Untersuchungsobjekt vollziehen, aber dieser Mangel beschränkt sich auf diese Fälle durchaus nicht. Denn während Monika Kubrova mit Recht in ihrem Beitrag über das karitative Engagement von Adelsfrauen um 1900 schreibt, bleibt dieser Ansatz bei Strobel nicht durchgängig gewahrt, er schreibt hier von „AutorInnen […] als Angehörige von Adelsfamilien“ und meint damit Personen aus dem Jahre 2000. Diese Personen sind aber gar nicht mehr Angehörige des Adels, weil Adel ja nur bis 1919 rechtlich existierte. Man könnte allenfalls sagen, dass sie selbst als Träger*innen von soziofaktisierten Mentefakten und daher als eine Art personalisierte `Adeligkeit´ betrachtet werden können – aber diese strikte Formulierung benützt Strobel eben leider nicht. Gleichwohl sind seine Ansätze überdenkenswert, wenn er z.B. von Stereotypen des Adeligseins spricht oder von `kulturellen Schemata´. Das alles sind ebenso wie die Diaspora-Idee lohnende methodische Ansätze, über die auch in Zukunft bei entsprechenden Forschungen nachgedacht werden sollte. Auch Alexander von Platos ganz praktische und konkrete Bemerkungen aus seiner reichen Oral-History-Praxis mit ehedem adeligen Geflüchteten bietet viele Ansätze zur Untersuchung von `Adeligkeit´ und thematisiert nach etlichen Selbstzeugnissen der Erinnerungsgemeinschaft in Form der `Schicksalsbücher´ nun auch wissenschaftliches Einordnungskriterien aus der Erfahrungsgeschichte, deren Fortsetzung wünschenswert wäre. Insgesamt liegt mit dem Sammelband ein reichhaltiger Inititialzünder vor, wenn auch bisweilen etwas indifferenziert mit den Begrifflichkeiten umgegangen wird. Dies kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Beiträge allesamt zu einigen neuen Ansätzen zu zählen sind, die nun auch in die Zeitgeschichte der Erinnerungsgemeinschaft vordringen [12] und sie mit einer Fülle von wertvollen Ansätzen zum lohnenden Forschungsobjekt werden lassen können. Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill M.A. B.A. und erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung. Annotationen:
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