Institut Deutsche Adelsforschung
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Unsicheres Adelsüberleben in den Liminalitätsphasen des 20. Jahrhunderts

Die doppelte Weltkriegszeit als Herausforderung für die deutsche und niederländische Nobilität

Das Ende des Adels ist schon oft herbeigeschrieben worden, allein realiter doch nicht zu beobachten gewesen. Die sich seit dem Mittelalter etabliert habende soziale Praxisformation besteht weiterhin auch im einundzwanzigsten Säkulum, über mehrere Jahrhunderte und Fragilepochen hinweg; erstaunlich war dies vor allem deshalb, so Teile der Adelsforschung, weil dem Adel eine große Re-Inventions-, Anpassungs- und Transformationsfähigkeit zugeschrieben worden ist, [1] von Fremden wie von Standesgenossen selbst. Unkenrufe wie vom „Ende des Adels“ aus dem Jahre 1918 seitens eines Anonymus’ klangen daher so: „Mit dem Zerfall der früheren Zentralstaaten in eine Reihe von selbständigen Republiken ist nicht nur der Glanz so vieler Kaiser, Königs- und Fürstenkronen wie ein Lichterkranz ausgelöscht worden, sondern auch der des Adels verblaßt. Das Ende der Aristokratie naht, die Adelsdämmerung ist angebrochen und da das Beispiel der tschecho-slowakischen Republik, die die Abschaffung des Adels beschlossen hat, zweifellos Nachahmung findet, wird es bald auch in Deutschösterreich keine vielzackigen Kronen mehr geben. Das heißt, man spricht davon, daß die Führung der Adelstitel nicht unter Strafandrohung verboten werden soll, sondern daß, ebenso wie die Prärogative des Monarchen und der Erzherzoge aufgehoben wurden, auch der Adel offiziell abgeschafft wird und damit für die Behörden aufhört, zu existieren. In Frankreich wurde sowohl der hohe Adel der Pairs als auch der niedere Adel als besonderer Stand durch die Revolution vom Jahr 1789 abgeschafft und die Anfang des XIX. Jahrhundert von Napoleon I. neugeschaffenen Adelsklassen Prince, Duc, Marquis, Comte, Vicomte, Baron, Chevalier, Seigneur usw., mit denen zum Teil Majorate verbunden waren, 1835 gesetzlich verboten. Das hindert aber nicht, daß noch heute zahlreiche Leute in Frankreich sich als Comte oder Comtesse, Marquis oder Marquise unterschreiben, wie es ihnen beliebt. Wenn sie ohne den Adelstitel nicht leben zu können vermeinen, legt ihnen die freie Republik nichts in den Weg, ihrem Namensstolz zu frönen: Vorrechte gegenüber den übrigen Staatsbürgern besitzen sie deshalb keinesfalls. Solche gesellschaftliche Vorrechte werden ihnen auch von keiner französischen Behörde eingeräumt. Die Tschechen scheinen sich mit der offiziellen Abschaffung des Adels und der Einziehung der Adelsgüter nicht begnügen, sondern auch die Führung des Adelsprädikats unter Straf-Paragraph setzen zu wollen. Sie sind also im Vergleiche zu den Franzosen päpstlicher als der Papst, radikal antiaristokratisch.“ [2]

Doch auch wenn in vielen Ländern der Adel nach 1918 abgeschafft oder in einen Namensbestandteil verwandelt worden ist, so lebte er dennoch weiter, als „Adelskultur“, wie man behaupten könnte. Die Frage indes, ob es ein Ende der Adelskultur gegeben haben könnte, stellt neuerdings auch ein Sammelband, der aus einer internationalen Tagung von 2022 hervorgegangen ist, die auf dem „Kasteel Twickel“ bei Delden in den Niederlanden stattgefunden hatte. Der Titel des Bandes lautet dementsprechend „Einde van de Adelscultuur? Adellijke Overlevingsstrategieën in Duitsland en Nederland 1918-1955“, herausgegeben wurde er von Conrad Gietmann, Simone Nieuwenbroek, Yme Kuiper, Gunnar Teske und Martin Schürrer. Erschienen ist das hardcovergebundene Werk im Hilversumer Verlag Verloren im Jahre 2024; die einzelnen Beiträge sind teils in englischer, teils in deutscher und teils in niederländischer Sprache abgedruckt. Die 359 Seiten werden außerdem mit Illustrationen, Diagrammen und Karten angereichert. Als Band XXI der Schriftenreihe „Adelsgeschiedenis“ erschienen, ist das Werk unter der internationalen Standardbuchnummer „978-94-6455-140-2“ im analogen wie virtuellen Buchhandel um den Preis von 39,00 Euro bestellbar.

Hervorgegangen ist der Band aus der „Stichting Werkgroep Adelsgeschiedenis“, einer in den Niederlanden seit 1993 sehr rührigen und tätigen Gemeinschaft von Adelsforschenden, die, im Gegensatz zu der zerstreuten Adelsforschungslandschaft in den deutschen Ländern, ein vorbildliches und reges Leben entfaltet hat, auch die einzigartige niederländische Zeitschrift „Virtus. Journal of Nobility Studies“ mit bisher 32 Jahrgängen zuzüglich einer eigenen Schriftenreihe mit bislang 18 Bänden herausgibt, die schon viele wertvolle Inhalte und Anregungen bereitgehalten und die Adelsforschung auch westwärts der niederländischen Grenze vielfach erheblich mit inspiriert hat. Dies liegt nicht allein daran, daß Adel als europäisches Phänomen gedacht werden und mithin auch international erforscht werden kann.
Der Sammelband beinhaltet fünf verschiedene Sektionen mit Einzelaufsätzen zu den Bereichen „Geschichte und Identität“, „Korporationen“, „Nationalsozialismus und Weltkrieg“, zum Komplex Biographie-Familie sowie zu Schloß-Landbesitz, die sich thematisch, wie zu erwarten gewesen ist bei solch einem Vorhaben, breit auffächern. Neben Ausstellungskonzeptionen (zum Ruhradel auf den Seiten 107-121) [3] finden sich darin auch Erörterungen von Anziehungs- und Abstoßungstendenzen zwischen Adel und NS-Ideologie. Eine niederländische Einleitung (Seite 11-27) führt zu den Sektionen und Beiträgen hin, regt forschende Vergleiche zwischen den eher traditionell adelsschwachen Niederlanden und den eher adelsstarken deutschen Ländern an. [4]

Derlei komparatistische Studien will auch der vorliegende Band liefern, allein es gelingt dies nur partiell. Denn für Vergleiche hätte man auch gleiche Entitäten untersuchen müssen. So befindet sich ein für sich genommen aufschlußreicher Aufsatz über die adelige Herrensitzbautätigkeit mit der These des Eigendenkmals zwar für Westfalen (Seite 289-311), nicht aber für niederländische Gegenden, andererseits bekommt, um nur noch ein weiteres Exempel zu benennen, auch eine Darstellung über das freiweltliche Stift Börstel (Seite 159-169) kein niederländisches Pendant an die Seite gestellt.
 Mit Spannung aufhorchen läßt ein Aufsatztitel über die Zweitvermessung [5] des spannungsgeladenen Verhältnisses zwischen Adel und NS-Volksgemeinschaft als performative und nicht ostentative Gruppenbildung. [6]

Denkbar wäre hier die Frage der Ergänzung und Erzeugung beider vergleichbarer Entitäten, beim Adel durch Nobilitierung und Geburt, bei der NS-Volksgemeinschaft durch Geburt und Einbürgerung, deren Begrenzung durch Ausbürgerung und Strafgesetze aus der NS-Volksgemeinschaft und durch strafrechtliche Entadelung sowie Adelsverzicht beim Adel. Diese Untersuchungen stehen indes noch aus, da sich der Aufsatz „Stand und Volksgemeinschaft. Der rheinisch-westfälische Adel in der Weimarer Republik und in der nationalsozialistischen Herrschaft“ gar nicht mit diesem Verhältnis beschäftigt, sondern nur als Aufhänger für den Zweittitelteil herausstellt (Seite 173-192). [7]

Darüber hinaus werden auch mehrfach die Schicksale von Herrensitzen des Adels thematisiert, die namentlich in den Liminalitätsphasen der Zwischen- und Kriegszeiten vielfältigen Bedrohungen und Kulturpraktiken ausgesetzt gewesen sind oder dafür genützt worden sind. Dazu zählen militärische Einquartierungen, Beschlagnahmungen, Besatzungen, Kunstsammlungsbergungen, aber ebenso Kunstraub, Plünderung, Zerstörung, die Damnatio memoriae, [8] Luftangriffe und Demolierungen (Seiten 156, 313-329, 341-355).
Insgesamt sei, so Teile der Forschung, das Signum der Moderne die Beschleunigung, mithin die immer raschere Abfolge umwälzender und nachhaltiger Veränderungen durch Erfindungen und Ereignisse, [9] mit denen der Adel als traditionelle Gruppenbildung und Praxisformation [10] hantieren mußte, wenn er überleben wollte. Dies scheint gelungen zu sein, durch jene Re-Inventionsfreudigkeit, aber auch durch Beständigkeit im Wandel, durch die akzeptierte Abkehr vom Obenbleiben zur Konzentration auf das Zusammenbleiben. [11] Den manchmal erfolgreichen, bisweilen auch erfolglosen Wegen und Irrwegen gehen die im Sammelband dargestellten Suchbewegungen von Adeligen beispielhaft nach; sie zeigen eindrücklich, wie der Adel versuchte sich anzupassen, dabei aber zu bleiben wie er war. Man sieht dies auch wieder an den Herrensitzen exemplarisch. Ursprünglich mit viel Personal als Mittelpunkt des landwirtschaftlichen Lebens prägend für ganze Dörfer [12] oder gar Regionen (wie in den Grafenwinkeln [13] oder in Ostelbien), sind sie aktuell im XXI. Säkulum häufig Veranstaltungsorte, Übernachtungsherbergen, [14] Kunstmuseen, [15] haben einen Wandel durchgemacht, sind jedoch gerade dadurch in Teilen erhalten geblieben. Für den Adel gilt daher wie für jeden Unternehmer: Man muß mit der Zeit gehen, will man am Markt bestehen, Ignoranz gegenüber neuen Entwicklungen führt ins Aus, die gelinde Anpassung aber kann die Aufrechterhaltung der Marktposition bedeuten; dem Adel ist das vielfach gelungen. Dies ist auch eine Erkenntnis aus dem Sammelband, so daß das Fragezeichen im Titel „Einde van de Adelscultuur?“ schließlich gestrichen werden kann, denn die Kultur des Adels bestand, durch die Anwendung verschiedenster Transformationsweisen, [16] auch weiterhin, kam trotz digitaler Postmoderne nicht zu einem Ende, mündete nicht, wie manche vermuteten, in einem Aristozid. [17] Darauf hinzuweisen, dabei viele neue Details preiszugeben und zu präsentieren, ist das Hauptverdienst dieser internationalen Publikation, die Adel als universalgeschichtliches Phänomen zumindest des europäischen Kontinents versteht und weiterhin zu untersuchen anregen möchte, auch und gerade für die Zeit, in der es staatsrechtlich in einzelnen europäischen Ländern teils schon gar keinen Adel mehr gab. Hier aber in der Betrachtung allein auf das Staatsrecht zu zielen, wird dem Adel nicht ganz gerecht.

Diese Rezension erscheint auch gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Dr. Dr. Claus Heinrich Bill (April 2025). Zu den Annotationen:

1 = Walter, Uwe: Aristokratische Existenz in der Antike und der Frühen Neuzeit. Einige unabgeschlossene Überlegungen, in: Hans Beck / Peter Scholz / Uwe Wager (Hg.): Die Macht der Wenigen. Aristokratische Herrschaftspraxis, Kommunikation und „edler“ Lebensstil in Antike und Früher Neuzeit, München 2008, Seite 367-394 (enthält ein Erstaunen über hohes Prägungs- und Anpassungspotential des Adels, identifiziert als Adelskontinuitäten und Re-Invenstionsfähigkeiten über 2000 Jahre hinweg); Conca Messina, Silvia A. / Abe, Takeshi: Noblemen in business in the nineteenth century. The survival of an economic elite?, in: Business History, Band 64, Nr. 2, London 2022, Seite 207-225 (betrifft unter anderem adelige Re-Inventionsstrategien in der Formierung der Moderne und das Konzept „Obenbleiben“); Reif, Heinz: Adeligkeit. Historische und elitentheoretische Überlegungen zum Adel in Deutschland seit der Wende um 1800, in: Heinz Reif: Adel, Aristokratie, Elite. Sozialgeschichte von oben, Berlin / Boston 2016, Seite 323-337 (betrifft unter anderem adeliges Renovations- und Re-Inventions-Potenzial zum „Obenbleiben“).

2 = Nomen Nescio: Das Ende des Adels, in: Neues Wiener Journal (Wien), Jahrgang XXVI, Nr. 8996 vom 18. November 1918, Seite 3.

3 = Ein Fehler in diesem Aufsatz bezieht sich auf den Umstand, daß behauptet worden ist, man könne durch Adoption adelig werden (Seite 120). Eine „noblesse d’adoption“ war jedoch historisch in deutschen Ländern nicht ohne Staatsgenehmigung möglich; siehe dazu Nomen Nescio: Adel durch Adoption, in: Bonner Volkszeitung (Bonn), Nr. 418 vom 26. November 1905, Seite 2 (Warnung vor Zeitungsannoncen für sittenwidrige Geschäfte der Annahme an Kindesstatt zur Erlangung des Adelszeichens „von“ mit Aufzählung aller zu erwartenden Nachteile); Nomen Nescio: Über Adoptionschwindel, in: Der Zeitungs-Bote. Zeitung für den Kreis Mettmann (Langenberg im Rheinland), Nr. 209 vom 7. September 1903, Seite 1 (Kritik an dem seit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches florierenden „Scheinadel“ durch Annahme an Kindesstatt, da es „nirgends an heruntergekommenen Baronen“ fehle); Nomen Nescio: Prinz von Anhalt will weiter adoptieren, in: Westfalenpost (Wetter), Ausgabe vom 2. Februar 2022, Seite 23 (betrifft die Absicht der Erzeugung weiterer Adoptionskaskaden über die sechs schon vorhandenen Annahmen an Kindesstatt hinaus durch Frédéric „Prinz von Anhalt“, der als Hans-Robert Lichtenberg 1979 durch Adoption seitens Marie Auguste Prinzessin von Anhalt an den Namen gelangte, der in der Meldung jedoch „Adelstitel‘“ genannt wird); Bülow, Fr.v.: Über den Erwerb eines adeligen Familiennamens durch Annahme an Kindesstatt nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch, in: Deutsche Juristenzeitung, Berlin 1896, Seite 432; Nomen Nescio: Über den Erwerb eines adeligen Familiennamens durch Annahme an Kindesstatt und über den Adelsstand nach dem neuen BGB, in: Deutsches Adelsblatt, Jahrgang XIV, Berlin 1896, Seite 855-857; Prow, Max: Das Reichsgericht zur Namensführung auf Grund der Annahme an Kindesstatt, insbesondere bei Wahlkindern adeliger Personen, in: Der Deutsche Roland. Mitteilungsblatt des Deutschen Rolands, Verein für deutsch-völkische Sippenkunde zu Berlin e.V., Jahrgang XIV, Berlin 1926, Seite 686; Bill, Claus Heinrich: Scheinadel durch Annahmen an Kindesstatt. Betrachtungen zum adelsrechtlichen Phänomen der Adelsadoptionen 1919 bis 1945 (Teil 1), in: Nobilitas. Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Band X, Nr. 46, Sonderburg 2007, Seite 58-104; Claus Heinrich Bill: Scheinadel durch Annahmen an Kindesstatt. Betrachtungen zum adelsrechtlichen Phänomen der Adelsadoptionen 1919 bis 1945 (Teil 2 und Schluß), in: Nobilitas. Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Band X, Nr. 47, Sonderburg 2007, Seite 107-134; Wienfort, Monika: Adoption, in: Eckart Conze (Hg.): Kleines Lexikon des Adels, München 2005, Seite 42. Im Aufsatz über die Ruhradelsausstellung ist zudem unerklärlich, wieso dort (Seite 115-116) ein Gutachten im Streit zwischen Staat und Hohenzollernhaus diskutiert wurde, da dabei zum Ruhradel keinerlei Bezug erkennbar ist.

4 = Ein Fehler besteht hier darin, daß auf Seite 20 behauptet wurde, dass die deutsche Wiedervereinigung 1987 stattgefunden hätte; je nach Ansatzpunkt wäre hier aber entweder 1989 oder 1990 anzusetzen.

5 = Zu Erstvermessung siehe Claus Heinrich Bill: „Denn die neue Zeit braucht mehr als alte Namen“. Adel/igkeit und NS-Volksgemeinschaft, Kiel 2015, 106 Blatt (Masterarbeit an der Fernuniversität Hagen 2015 im Fach Geschichte); Claus Heinrich Bill: Moderne Transformationen des Nobilitäts-Konzeptes in wandelbaren Kongruenzen und Inkongruenzen (Teil 1/3), in: Institut Deutsche Adelsforschung (Hg.): Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Jahrgang XIX., Folge № 92, Sonderburg 2016, Seite 31-52; dasselbe (Teil 2/3), in: Institut Deutsche Adelsforschung (Hg.): Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Jahrgang XIX., Folge № 93, Sonderburg 2016, Seite 1-52; dasselbe (Teil 3/3), in: Institut Deutsche Adelsforschung (Hg.): Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Jahrgang XIX., Folge № 94, Sonderburg 2016, Seite 1-40. Ferner siehe dazu Nomen Nescio: Paulchens Papiere. Romanze aus Aristokratie und Hochfinanz, in: Das Schwarze Korps. Zeitung der Schutzstaffeln der NSDAP (Berlin), Nr. 6 vom 3. Februar 1939, Seite 19 (Kritik an Adelsromanen „als Dokument des Kastengeistes“ wider die Volksgemeinschaftsidee); Schaumburg-Lippe, Prinz Friedrich Christian zu: Wo war der Adel?, Berlin 1934, 54 Seiten (Kritik mehrerer Autoren am Adel, unter Schaumburg-Lippes Führung, weil sich der Adel nicht rückhaltlos zum Nationalsozialismus bekenne); Ernst Lüdke: Adel verpflichtet, in: Nachrichten für Stadt und Land (Oldenburg in Oldenburg), Nr. 313 vom 19. November 1937, Seite 3 (positive Reaktion auf Schaumburg-Lippe’schen Gedanken, enthält auch ein Plädoyer für eine Anbindung des Altadels an die „Volksgemeinschafts“-Idee); W., O.G.v.: Adel und Volksgemeinschaft, in: Deutsches Adelsblatt, Jahrgang XLI, Berlin 1923, Seite 217-219; Teiber, August E.: Entarteter Adel, in: Völkischer Beobachter (Wien), Nr. 157 vom 5. Juni 1944, Seite 2 (detaillierte Pejorativkritik am rund 4.000 Familien umfassenden Ungarnadel, der degeneriert und arbeitsscheu sei; enthält auch ein Plädoyer für die Adelsintegration in die „Volksgemeinschaft“).

6 = Dazu siehe Claus Heinrich Bill: Adel als performative Gruppe (Modell Latour 2010), in: Institut Deutsche Adelsforschung (Hg.): Bildatlas zur deutschen Adelsgeschichte 6. Adelsgrafiken als Beitrag zur komplexreduzierten Aufbereitung von für die Adelsforschung dienlichen Theorien und Modellen, Sonderburg 2019, Seite 26-27 (aus der Serie Adelsgrafiken hier die Nr. AdGraf 137).

7 = Dies korrespondiert mit der größeren Analyse des Autors der Artikels namens Horst Conrad: Der lange Abschied von der Macht. Adel in Westfalen 1800-1970, Münster 2021, 317 Seiten (Band III der Reihe „Regionalgeschichte kompakt“). Ein Fehler im Aufsatz besteht auf Seite 179 jedoch darin, daß behauptet worden ist, die Deutsche Adelsgenossenschaft habe eine Person aus „dem Adelsstand“ ausgeschlossen. Dies war indes nicht möglich, erstens weil es einen staatsrechtlichen Adelsstand seit 1919 nicht mehr gab und zweitens, weil die Genossenschaft über keinerlei Befugnis verfügte, solch einen Ausschluß durchzusetzen. Gemeint war möglicherweise der Ausschluß aus der Adelsgenossenschaft als Organisation, was aber nicht identisch ist mit der Exklusion aus der Erinnerungsgemeinschaft des historischen Adels. Zur Adelsgenossenschaft als Organisation siehe überdies Fricke, Dieter / Rößling, Udo: Deutsche Adelsgenossenschaft 1874-1945, in: Fricke, Dieter (Hg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland 1789-1945, Band I, Leipzig 1983, Seite 530-543. Zur Ausschlüssen aus der Adelsgenossenschaft siehe fernerhin ergänzend Claus Heinrich Bill: Separierungen in der Deutschen Adelsgenossenschaft. Zur Typologie von freiwilligen und erzwungenen Austritten Adeliger zwischen 1874 und 1945 (Teil 1 von 3), in: Nobilitas. Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Band XIII, Nr. 63, Sonderburg 2010, Seite 195-208; Claus Heinrich Bill: Separierungen in der Deutschen Adelsgenossenschaft. Zur Typologie von freiwilligen und erzwungenen Austritten Adeliger zwischen 1874 und 1945 (Teil 2 von 3), in: Nobilitas. Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Band XIII, Nr. 64, Sonderburg 2010, Seite 222-260; Claus Heinrich Bill: Separierungen in der Deutschen Adelsgenossenschaft. Zur Typologie von freiwilligen und erzwungenen Austritten Adeliger zwischen 1874 und 1945 (Teil 3 von 3), in: Nobilitas. Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Band XIV, Nr. 65, Sonderburg 2011, Seite 276.

8 = Ruth Möller: Vivo o Morto. Gefälschte Wahrheit. Christian von Pentz und die Verdammung des Andenkens, in: Vivian Vierkant / Esther Wrobbel (Hg.): Steinburger Jahrbuch 2026, Band LXX (Auf den Spuren des Adels), Itzehoe 2025, Seite 173-205 (betrifft memoriale Deklaration als „Damnatio memoriae“ sowie Entinnerung eines Generals und Randseiters als „Südenbock“ für militärische Niederlagen, die auf Seite 200-201 in origineller Weise auch als „Personenwüstung“ bezeichnet wird).

9 = Jahn, Barbara: „Eine Klasse, die von Rechts wegen keine mehr sein sollte“. Der Adel in der frühen Bundesrepublik, in: Markus Raasch (Hg.): Adeligkeit, Katholizismus, Mythos. Neue Perspektiven auf die Adelsgeschichte der Moderne, München 2014, Seite 287; Funck, Marcus: Schock und Chance. Der preußische Militäradel in der Weimarer Republik zwischen Stand und Profession, in: Heinz Reif (Hg.): Adel und Bürgertum in Deutschland II. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20. Jahrhundert, Berlin 2001, Seite 144; Reif, Heinz: Einjleitung, in Heinz Reif: Adel, Aristokratie, Elite. Sozialgeschichte von Oben, Berlin 2016, Seite 75.

10 = Hierzu weiterführend Frank Hillebrandt: Soziologische Praxistheorien. Eine Einführung, Wiesbaden 2014, 130 Seiten (enthält auf den Seiten 102-111 unter anderem den Begriff der „Praxisformation“ für soziale Phänomene mit einer „longue durée“, die sich mithin auf den Adel als langfristig zu beobachtende Sozialgruppenbildung beziehen läßt).

11 = Marburg, Silke / Matzerath, Josef: Vom Obenbleiben zum Zusammenbleiben. Der Wandel des Adels in der Moderne, in: Walther Schmitz / Jens Stüben / Matthias Weber (Hg.): Adel in Schlesien, Band III (Adel in Schlesien und Mitteleuropa. Literatur und Kultur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart), München 2013, Seite 299-311.

12 = Beispielhaft zu sei verwiesen auf Jirí Kubeš: Die Dienerschaft der Aristokraten in den böhmischen Ländern in den Jahren 1550-1750, in: Anna Fundárková / István Fazekas (Hg.): Die weltliche und kirchliche Elite aus dem Königreich Böhmen und Königreich Ungarn am Wiener Kaiserhof im 16.-17. Jahrhundert, Wien 2013, Seite 273-299 (betrifft stellvertretenden Konsum durch Domestikenhaltung und die soziale bzw. personale Adels-Umgebung durch angestellte Nichtadelige).

13 = Dazu siehe Secker, Bettina: August. Ein Leben auf dem Lande, Bremen: Schmalfeldt 1979, 45 Seiten [betrifft auf Seite 40 bei der Schilderung eines Landarbeiterlebens auf einem Landgut der ostholsteinischen „Grafenecke“ das „Pathos der Distanz“ von unten gegenüber dem Adel als Verhaltensstandart mit der Aussage „Auch der Gutsbesitzer ist ihm fremd. Das Herrenhaus hat August nur einmal in seinem Leben betreten … Der Gutsherr hat August nie besucht. Er hält mit seinen Leuten … Kontakt über den Inspektor oder die Sekretärin. ‚Das war immer schon so‘, sagt August. ‚Das sind eben die Herrschaften.‘“); Hellmut von Gerlach: Von rechts nach links. Der Lebensgang eines Junkers. Bei den Grafen Ostholsteins, in: General-Anzeiger für Dortmund und das gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet (Dortmund), Nr. 325 vom 25. November 1931, Seite 7 (betrifft unter anderem die politisch konservativ orientierte „Grafenecke der sonst so bäuerlichen Provinz Schleswig-Holstein“ mit den Grafenfamilien Rantzau, Reventlow, Bülow und Ahlefeldt); Nomen Nescio: Auf du und du mit Schlössern und Herrenhäusern, in: Bonner General-Anzeiger (Bonn), Ausgabe vom 25. Juli 1991, Seite 14 (betrifft den ostholsteinischen „Grafenwinkel“ als Herrenhauslandschaft); Maike Wegner: Warum das Hinterland Grafenwinkel genannt wird. Im Binnenland liegen etliche Schlösser und Güter, die zu dem Spitznamen führten, in: Lübecker Nachrichten (Ostholstein-Nord) vom 31. August 2024, Seite 14 (betrifft die „Region, die sich von Ostholstein bis an die Hohwachter Bucht zieht“ und die Güter Sierhagen, Redingsdorf, Stendorf, und Hasselburg).

14 = Silke Voß: So begann die lebendige Gutshausszene im Nordosten. Ende der 90er begann ein „verrücktes“ Paar, einen „Schandfleck“ zu entrümpeln. Heute lockt die barocke Zauberwelt ein internationales Gästepublikum und Hochglanzmagazine, in: Schweriner Volkszeitung (schwerin) vom 20. Mai 2024, Seite 20 (betrifft ehemalige Adelsitze); Silke Voß: Wessis, Landadel, normale Leute. Wer sind diese Gutshausretter? Niemand müsse mit den neuen Gutshausbesitzern eine Refeudalisierung fürchten, räumt Schlossmakler Manfred Achtenhagen mit Ängsten auf und erklärt, wer sich auf dem Land engagiert, in: Nordkurier (Strelitzer Zeitung) vom 8. August 2024, Seite 14 (betrifft die von Ostdeutschen artikulierten Ängste vor „Allüren von erzkonservativen Grafen, die ‚die gute alte Zeit‘ wiederhaben wollen“ und die diese Befürchtung zurückweisende Achtenhagen‘sche Aussage, daß der Adel nur zu den Anteilen unter den „Gutshausrettern“ zu finden sei, wie er auch schon in der Bevölkerung vertreten wäre; daher nicht überproportional).

15 =  Jürgen Julier / Hans Joachim Giersberg: Museumsschlösser und Schloßmuseen. Die dritte Wiedergeburt der preußischen Schlösser als Kulturinstitut, in: Museumspädagogischer Dienst Berlin (Hg.): Museumsjournal. Ausstellungen in Berlin und Potsdam, Band VII, Berlin: Kulturprojekte Berlin GmbH 1993, Heft Nr. 2, Seite 30-32.

16 = Dazu siehe Schlögl, Rudolf: Hierarchie und Funktion. Zur Transformation der stratifikatorischen Ordnung in der Frühen Neuzeit, in: Marian Füssel / Thomas Weller (Hg.): Soziale Ungleichheit und ständische Gesellschaft. Theorien und Debatten in der Frühneuzeitforschung, Frankfurt am Main 2011, Seite 47-64; Kink, Barbara: Die Transformation der adeligen Elite in der Umbruchzeit im Kurfürstentum und Königreich Bayern, in: Marco Bellabarba (Hg.): Eliten in Tirol zwischen Ancien Régime und Vormärz, Innsbruck 2010, Seite 93-109; Glassheim, Eagle: Noble Nationalists. The Transformation of the Bohemian Aristocracy, Cambridge in Massachusetts 2022, 316 Seiten (betrifft den Wandel böhmischer Adelsidentität vom Aufstieg der Massenpolitik im späten 19. Jahrhundert bis zum Fall des Eisernen Vorhangs nach dem Zweiten Weltkrieg, Suche nach eigenem Platz in der nachrevolutionären Ordnung nach 1918, Verbündung mit tschechischen und deutschnationalen Parteien); Historische Kommission für Sachsen-Anhalt (Hg.): Wege übers Land. 15. Tag der sachsen-anhaltinischen Landesgeschichte am 26. und 27. September 2025 in Halberstadt, Magdeburg 2025, 2 Seiten (Faltkarton mit Ankündigung von Vorträgen, unter anderem von Vicky Rothe zu „Das Gut Wittenmoor in den Stürmen der Zeit. Die Transformationsprozesse des 19. und 20. Jahrhunderts auf einem Adelsgut“, von Ralf Lusiardi zu „Öffentlich oder privat? Transformationen des 19. und 20. Jahrhunderts im Brennglas der Adelsarchive“, von Andrea Himpel zu „Der Kampf um Land und Schloßinventar. Reprivatisierung und Restitution nach der Wiedervereinigung“ sowie von Felix Schneider zu „Geschichte statt Geschichten. Mediale Selbstinszenierung zurückkehrender Gutsbesitzer nach Sachsen-Anhalt“). Zur Theorie siehe fernerhin Hartmut Böhme / Lutz Bergemann / Martin Dönike / Albert Schirrmeister / Georg Toepfer / Marco Walter / Julia Weitbrecht (Hg.): Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels, München / Paderborn 2011, 242 Seiten (enthält auf den Seiten 165-174 zwei verschiedene allelopoietische Modelle gegenseitiger kultureller Erzeugung, auch anregend für die Adelsforschung).

17 = Ellis Archer Wasson: Aristocracy and the modern world, Basingstoke 2006, VIII und 296 Seiten (betrifft den europäischen Adel im 19. und 20. Jahrhundert; enthält Definitionen von Aristokratie und Ausführungen über Adel in der Zeit des Ancien Regime, Wohlstand, Ehre, Kultur, „Swallowing the Toad: Meeting the Middle Classes“, Krise des Adels in der Moderne, lokale und politische Adelsmacht, auch den „Aristozid“ – hier genannt „Aristocide 1917-1945“ – in der nachmonarchischen Zeit, Ausblick über den Adel 1945-2000, mit einer angehängten Bibliographie).



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